Page - 359 - in Handwörterbuch der Philosophie
Image of the Page - 359 -
Text of the Page - 359 -
Kultur. 359
verschiedenen Seiten, Anlagen, Kräfte der Menschlichkeit und auf Gestaltung des
Lebens nach dieser Richtung ab. Objektive und subjektive, materielle und geistige,
physische und moraüsche, personale und soziale Kultur geben erst in ihrer Vereini-
gung die wahre, Kultur, eine Kultur von Intellekt, Gemüt und Willen einer-
der Lebensverhältnisse, der Lebensordnung anderseits. Das Kulturideal, das
immer nur annährend zu erreichen ist, ist das Ideal der Vollkultur, der
reinen Menschheitskultur, der harmonischen Einheit einer Fülle
von Partialkulturen (der wissenschaftlichen, ästhetischen, ethischen, tech-
nischen, sozialen . . . Kulturen). So gefaßt, ist Kultur nicht gegeben, sondern
stets aufgegeben, als Aufgabe, Idee, höchstes Willensziel, welches erst mehr
triebhaft und später auch selbstbewußt-aktiv angestrebt wird, wobei es nicht
Stillständen, Einseitigkeiten fehlt und oft äußerliche „Zivili-
oder rein äußerliche Kultur mit wahrer, innerer Kultur verwechselt
wird. Die Schäden, die im Gefolge der K. zuweilen eintreten, zeugen nicht
gegen die K., sondern nur davon, daß noch zu wenig oder zu einseitige K. be-
steht. Durch eine Art „kultureller Selbstregulierung" werden solche
Im Laufe der Zeit vielfach wieder beseitigt. Die Kulturentwicklung ist teils
eine stetige, allmähliche, wobei aber in späteren Stadien eine Akkumulation
und Beschleunigung dadurch möglich ist, daß mit den der
Vergangenheit viel mehr geschaffen werden kann als oft noch kurz zuvor. Es
besteht ein Wachstum von Kulturwerten und von kultureller Energie, und es
gibt eine „Kulturauslese", welche das für die kulturelle Entwicklung Unbrauch-
bare verschwinden oder verkümmern läßt. Die Kultur als Inbegriff des
menschlich-zweckvoll Geschaffenen, der Kulturwerte ist das Werk des
g ei es, des Gemeinschaftslebens, innerhalb dessen der Einzelne erst zu seiner
Eigenkultur gelängt; sie ist „objektiver Geist", der auf den Einzelnen mächtig
einwirkt und seine relativ selbständige Entwicklung hat, an welcher freilich die
großen schaffenden Persönlichkeiten mächtig Anteü haben und die zuhöchst
auch eine Kultur der Persönlichkeit selbst einschließt. — Mit dem Wesen,
der Idee der Kultur, mit den Prinzipien, Voraussetzungen derselben, mit den
Bedingungen und Faktoren der kulturellen Höherentwicklung, mit der Kritik
der Kulturformen und deren Bedeutung aus dem Gesichtspunkte der
idealen Kulturzwecke und werte beschäftigt sich die Kulturphilo-
sophie (vgl. die Zeitschrift „Logos", ff.; Annalen f. Natur- u. Kultur-
philosophie).
Von „Kultur" (im engeren Sinne) ist zuerst als „cultura (Geistes-
ausbüdung) die Rede (CICERO, HORAZ U. a.). Im 18. Jahrhundert wird schon
eine Geschichte der „Kultur" der Völker geschrieben.
Auf die Schäden der Kultur (Zivilisation) weist energisch ROUSSEAU
welcher „natürliche", der menschlichen Natur angemessene, ungekünstelte Zu-
(vgl. schon die fordert („Tout est bien sortant des
de des choses, tout entre les mains de l'homme" (Discours
sur les sciences et les arts, 1749; Emile, 1762). Vgl. R., Kulturideale, von
H. Jahn, 2. A. 1912. In der Gegenwart hat besonders TOLSTOJ eine Rückkehr
„Naturzustand" gepredigt (vgl. E. AXELROD, Weltanschauung, 1912).
Hingegen klagt NIETZSCHE über den Mangel die er, ästhetisierend,
als „Einheit des künstlerischen Stües in allen Lebensäußerungen eines Volkes"
definiert (Unzeitgemäße Betrachtungen I2, 5; vgl. Übermensch).
Die Reihe von Kulturphüosophen eröffnet in Deutschland HERDER, nach
back to the
book Handwörterbuch der Philosophie"
Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften