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392 Mathematik.
von den Größen und Ordnungen oder Mannigfaltigkeiten. Sie ist diejenige
formale Wissenschaft, welche auf einer „Anwendung der Denkgesetze auf die
Anschauungsformen und auf die nach Analogie derselben begrifflich zu kon-
struierenden Mannigfaltigkeiten" beruht (WUNDT, d. Philos. I3, 1907,.
S. 109). Ihre allgemeinste Aufgabe ist die „Untersuchung aller überhaupt
denkbaren formalen Ordnungen und Ordnungsbegriffe" (1. c. S. 13 f.). Ihre
beiden allgemeinsten Zweige sind die Größenlehre und die
theorie. Die M. hat das „nach seinen formalen Bedingungen in der
rung Mögliche" zum Gegenstand und zwar „nicht bloß das in der wirklichen
Erfahrung, sondern das in irgendeiner begrifflich denkbaren Erfahrung nach
den ihr zukommenden Formgesetzen Mögliche" (S. 110). Die rein formalen
Entwicklungen können über jede gegebene Grenze hinaus fortgesetzt
„weil die Regel dieser Fortsetzung durch die bereits vollzogenen Operationen
vollständig geliefert, und andere Bedingungen als diese Regeln hier niemals
erforderlich sind" (S. 174). Die Aufgabe der M. ist es also, „die denkbaren
Gebilde der reinen Anschauung, sowie die auf Grund der reinen
formalen Begriffskonstruktionen in bezug auf alle ihre Eigen-
schaften und wechselseitigen Relationen einer erschöpfenden Untersuchung zu
(Logik ff.; A.1908). DieM. beruht auf „aprio-
rischen" (s. d.) Grundlagen, d. h. auf Urteilen, welche die Eigenschaften und
Konstruktionsmöglichkeiten der reinen Anschauung (s. d.) für aUe nur mögliche
Erfahrung als gültig bestimmt, weil das Formale der Anschauung eine Bedingung
objektiver Erfahrung und der Erfahrungsobjekte als solcher selbst ist (s.
Aus den Axiomen (s. d.), Definitionen, Postulaten der M. folgt alles Weitere mit
logischer Notwendigkeit, während die Axiome selbst z. Teil nur
notwendigkeit" (LIEBMANN) haben und nicht „analytische" Urteile, sondern
„synthetische Urteile a priori" sind (vgl. Urteil). Die Konstanz des
welches den Gegenstand der M. bildet, sowie die Identität der
und gliedernden, ordnenden Funktion des Denkens in allen Anwendungen des-
selben die Allgemeingültigkeit mathematischer Urteile, die
dessen, was an einem Falle dargetan wird, für alle analogen Fälle, für
Ideale wie für das Reale. Die Regeln der Verknüpfungsweise von Einheiten
zu Größen, Zahlen (s. d.) und der Beziehung der Größen aufeinander bleiben
für alle Fälle dieselben, ändern sich nicht, gelten zeitlos. Das Unendliche (s. d.>
und „Irrationale" wird vermöge zweckmäßiger Fiktionen so behandelt, als ob
sich um endliche oder rationelle Werte handelte, wodurch die Einheit der Rech-
nung ermöglicht wird (vgl. VAIHINGER, Die Philos. des Als ob, 1911). Die
mathematischen Objekte sind nichts „Wirkliches", sondern Abstraktions- und
Konstruktionsprodukte und von ideeller Natur; aber sie gelten für das
lassen sich an allem Wirklichen annähernd realisieren. Erst die
Anwendung der M. auf die Gegenstände der Erfahrung macht, besonders durch
Zurückführung des Qualitativen auf quantitative Verhältnisse, exakte
wissenschaft möglich; zum Teil läßt sich die M. auch auf die Psychologie an-
wenden (s. Psychophysik). Doch beschränkt sich die mathematische Betrach-
tungsweise stets auf bloße Relationen der Dinge, das unmittelbare „Fürsich-
sein" des Wirklichen läßt sich mathematisch nicht erfassen (FECHNER, LOTZE,
WUNDT, DILTHEY, EUCKEN, SIMMEL, WINDELBAND, RICKERT, BOUTROUX,
BERGSON U. a.).
Die M. wurde öfter als Vorbild, Mittel und Methode philosophischer
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften