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Motiv.
Willensdisposition die bestimmte, konkrete Richtung des Wollens gibt. Das
M. enthält einen intellektuellen („Beweggrund" im engeren Sinne) und emo-
tionellen Faktor die Gefühls- oder Wertseite des M. gibt der
Vorstellung die „Motivationskraft", wobei aber zu beachten ist, daß bei Wahl-
handlungen die Motivationskraft für uns nicht von vornherein eindeutig fixiert
ist, sondern erst im „Kampfe der Motive", im Wettbewerbe sowohl um die
Apperzeption (s. d.) als insbesondere um die Herrschaft zur Geltung kommt,
sich entfaltet. Ferner ist die Motivationskraft abhängig von der Vergangen-
heit des Ich, Charakter, von der Individualität und Persönlichkeit, von
dem Verhältnis zu anderen Motiven (von der „Konstellation" des Bewußtseins).
Gewohnheit, zeitliche Momente (gegenwärtige Lust z. B. im Verhältnis zu
künftiger Unlust oder umgekehrt), Bewußtsein der Folgen einer Handlung,
der Güte oder Wichtigkeit einer Tat, u. a. beeinflussen die Motivation. Es
ist also nicht äußerlich oder abstrakt, allgemein bestimmt, was im Einzelfalle
Motiv oder aktuelles, endgültig wirksames Motiv werden kann oder muß; die
Abhängigkeit des Wollens von Motiven ist keine äußerliche, mechanische
zwangsmäßige Determination (s. Willensfreiheit). Die Motive als solche sind schon
Momente des Wollens selbst und z. Teil von früheren Willensakten abhängig.
Motive können zusammen- oder aber einander entgegenwirken, einander ver-
stärken, unterstützen, schwächen, das Gleichgewicht halten; so z. B. können
sittliche Vernunftmotive sich sinnlichen Motiven gegenüber durchsetzen
(s. Zurechnung).
Daß die Motive den Willen nicht zwingen, sondern nur „inklinieren", be-
tont (wie DUNS SCOTUS) LEIBNIZ (vgl. Willensfreiheit). Nach KANT ist der
subjektive Grund des Begehrens die „Triebfeder", der objektive Grund des
Wollens der „Bewegungsgrund"' (Grundz. zur Metaphys. d. Sitten, 2. Abschn.).
SCHOPENHAUER erblickt in der Motivation eine Gestalt des Satzes vom Grunde
(s. d.). Die Motivation ist Kausalität von innen gesehen" (Vierfache
Wurzel, K. 7, § 43). Das Motiv wirkt nur „unter Voraussetzung eines
Triebes, d. h. einer bestimmten Beschaffenheit des Willens, welche man den
Charakter desselben nennt, diesem gibt das jedesmalige Motiv nur eine ent-
scheidende Richtung — individualisiert ihn für den konkreten Fall" (Die
als Wille u. Vorstellung, IL Bd., K. 27). Nach HÖFFDING beruht es auf der
Beschaffenheit unseres Wesens, ob etwas für uns Motiv werden kann. Die
Motive sind ferner durch unser eigenes früheres Wollen und Wirken bestimmt
1901, S. 444, 471 Nach WENTSCHER sind Motive frühere
von uns vollzogene Willensentscheidungen, welche unsere Entscheidung be-
einflussen (Ethik I, 1902—05, 253 ff.). Nach A. DYROFF ist Motiv „erst der
Wahrnehmungsinhalt, den ich wollend zum Bestimmungsgrund meiner Hand-
lung mir erhoben habe" in die Psychol., 1908, S. 115; vgl. HAGE-
MANN, Psychol.8, 1911).
Das Gefühl betrachten als eigentliches M. LOCKE (Essay concern. hum.
understand. K. 21), HARTLEY, HUME, JAMES MILL, J. ST. MILL,
SPENCER U. a. — Die Vorstellungsseite des M., die Motivation durch
bloße Vorstellungen und Erkenntnisse betonen E. v. HARTMANN (Philosophie
des Unbewußten I10, 125 ff.; Moderne Psychologie, 1901, S. 179 ff.), R.
LIPPS, JAMES, KÜLPE, COHEN U. a. — Als gefühlsbetonte Vorstellung
bestimmen das M. JODL (Lehrbuch d. Psychol. ff.), GIZYZKI,
H. GOMPERZ, nach welchem die Stärke Motivs von der Dauer der Herr-
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book Handwörterbuch der Philosophie"
Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften