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482 Perzeptionalismus — Pessimismus.
eines Inhalts in das Bewußtsein, in das „Blickfeld" desselben.
erfassen, wahrnehmen, vorstellen.
Nach LOCKE ist die „perception" die Einleitung zu aller Erkenntnis
(Essay concern. human understand. II, K. 15). LEIBNIZ schreibt allen Monaden
(s. d.) Perzeptionen, Spiegelungen des Äußeren, von der dumpfesten Form an
bis zur bewußten Vorstellung, zu. Die P. ist der Ausdruck der Mannigfaltig-
keit in der Einheit de la multitude dans l'unite"). Die Innen-
zustände der Monaden sind Perzeptionen, meistens „petites d. h.
Bewußtseinsdifferentiale, unmerkliche, unterbewußte Regungen (vgl. Werke,
hrsg. von Gerhardt III, 69; VI, 600, 608; s. Apperzeption, Bewußtsein, Unbe-
wußt). KANT versteht unter P. eine „Vorstellung mit Bewußtsein" (s. Wahr-
nehmung). Die schottische Schule (REID U. a.), ferner W.
M. DE u. a., unterscheidet zwischen subjektiver Empfindungs-Affektion
(„Sensation") und objektiver Perzeption (s. auch BERGSON U. Zwischen
P. und Apperzeption (s. d.) unterscheidet HERBART, ferner WUNDT, nach
welchem P. der Eintritt einer Vorstellung in das innere Blickfeld des Bewußt-
seins ist (Grdz. d. phys. Psychol. 1903, S. 332 ff.).
Perzeptionalismus (Wahrnehmungslehre) ist nach E. J. HAMILTON
die (schon von ARISTOTELES begründete) Lehre, daß „alles Denken und Wissen
seinen Ursprung in der Perzeption (Wahrnehmung) der Dinge hat, denen die
Seele unmittelbar verwandt ist", und daß die Wahrnehmungen wahre Perzep-
tionen derselben Dinge sind, welche (Perzept. u. Modalismus, 1911,
S. 1 f.). Die Grundformen der Erkenntnis stellen die Grundelemente des
dar (1. c. S. 27). Vgl. The Perceptionalist; Erkennen u. Schließen, 1912.
Pessimismus (pessimus, der schlechteste) ist die Wertung der
Lebens, der Menschen als schlecht, die Tendenz, in allem nur das Schlechte zu
sehen und zu empfinden („Stimmungspessimismus", „Weltschmerz": LEOPARDI
u. a.), die Verzweiflung an der Möglichkeit des des Fortschritts. Dem
als und Lebensanschauung gemäß ist die das Dasein schlecht, voll
Leid, Schmerz, Unlust, welche die Lust bei weitem überwiegt. Nichtsein
besser als Sein und die Erlösung vom individuellen Dasein ist das einzig
Wünschenwerte; alles andere ist Illusion, ist nichtig, ist nur Scheingut,
wert, außer es wäre ein Mittel zur Erlösung vom Dasein. Der gemäßigte
heißt auch (vgl. PETRONIEVICS, Metaphysik I 2, 1912). Außer dem
metaphysischen (theoretischen) gibt es einen soziologischen P.
u. a.) und einen P., der den Fortschritt leugnet
(ROUSSEAU, TOLSTOJ, RENOUVIER U. a.). Die Annahme des P., daß in der
die Summe der Unlust überwiege, ist nicht stichhaltig, auch kommt es bei
Bewertung des Daseins nicht bloß auf die hedonistische (s. d.)
lage an. Unlust wird vielfach in den Kauf genommen, wo es sich um
volle Lebensbetätigung und Höherentwicklung handelt (vgl. Aktivismus, Opti-
mismus, Übel). Der „Meliorismus" (s. d.) gebietet, das Schlechte in der
möglichst zu verbessern, zweckmäßig zu gestalten.
Pessimistisch ist die Weltanschauung des Buddhismus (s. Nirvana),
„Koheleth", mancher Ausspruch griechischer Denker (SOPHOKLES,
HEGESIAS, Diogen. Laert. II, 94, PLATON). Dem Urchristentum ist
ein „Jammertal" gegenüber dem seligen Jenseits.
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften