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502 Postulat.
aussetzung zur Begreiflichkeit und Einheitlichkeit des Gegebe-
nen, Erf ahrbaren darstellt. Die Grundpostulate der Wissenschaft (s. Axiom)
entspringen dem Erkenntniswillen und fordern, überall und stets die Her-
stellung einheitlich geordneter Zusammenhänge anzustreben; indem
die Erfahrung sich diesen Postulaten immer wieder fügt, bewähren sie sich an
und in ihr als wahrhaft taugliche Mittel im Dienste der Erkenntnis, also durch
ihre theoretische Zweckmäßigkeit (vgl. Kausalität, Denkgesetze, A priori). Es
gibt auch praktische (ethische, soziale) Postulate.
Über das P. überhaupt vgl. ARISTOTELES (Analyt. poster. I 10, 76 b 31),
ferner CHR. WOLFF („propositio practica indemonstrabilis", Philos. rationalis,
§ 269), FRIES (System d. Logik, 1811, S. 293), SIGWART (Logik I2, 1889/93,
412) u. a.
KANT stellt drei „Postulate des empirischen Denkens überhaupt" auf, welche
anzeigen, wie unser Begriff von Dingen „mit der Erkenntniskraft verbunden
wird" (s. Modalität). 1. „Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung
(der Anschauung und den Begriffen nach) übereinkommt, ist
2. „Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung)
zusammenhängt, ist wirklich." „Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen
nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) not-
wendig" (Krit. d. reinen Vernunft, S. 202 f.). — Unter einem P. der prak-
Vernunft versteht KANT einen a priori gegebenen, „keiner Erklärung
seiner Möglichkeit, mithin auch keines Beweises fähigen, praktischen Imperativ
oder einen „theoretischen, als solchen aber nicht erweislichen Satz . ., sofern
er einem a priori unbedingt geltenden praktischen Gesetze unzertrennlich
anhängt" (Krit. d. prakt. Vernunft, Univ.-BibL, S. 147). Es sind Annahmen
von Bedingungen zur vollen Erreichung des höchsten Gutes (s. d.) notwendig,
nämlich die Voraussetzungen der Unsterblichkeit der Seele, des Daseins Gottes,
der Willensfreiheit.
Erkenntnispostulate sind nach SIGWART Gesetze, welche der Verstand
sich bei der denkenden Bearbeitung der Natur selbst gibt; apriorisch sind
sie, weil „keine Erfahrung ausreicht, sie in ihrer unbedingten Allgemein-
heit uns zu offenbaren" (Logik II2, 1890/93, 22 ff.; 4. A. 1911; vgl. RIEHL,
Vierteljahrsschrift f. wissensch. Philos., Bd. 1). — Methodische Annahmen
von theoretisch-praktischer Nützlichkeit sind die Postulate nach E. LAAS
(Kants der Erfahrung, 1876, S. 175 ff.), A. E. TAYLOR (Elements
of Metaphysics, 1903, S. 167 ff.), J. SCHULTZ, F. C. S. SCHILLER (S. Axiom;
vgl. Humanismus, Verifizierung der Postulate durch ihren „praktischen Er-
folg"). Vgl. WUNDT, Logik 1906, 89 f. („Postulat von der Begreiflichkeit der
Erfahrung", wie HELMHOLTZ); VOLKELT, Erfahrung u. Denken, 1886, S. 187 ff.
(vgl. Transzendent); LIPPS, Leitfaden der S. 15 ff., 188 ff.,
(„Forderungen" seitens der Denkobjekte); J. SCHULTZ, Kantstudien XVII,
FRISCHEISEN-KÖHLER, Wissenschaft u. Wirklichkeit, 1912, S. 317 ff.
(Postulat eines „allgemeinen Beziehungssystems"); DRIESCH, Ordnungslehre,
1912 (F. = „das einzelne Ordnungs- oder Endgültigkeitszeichen, welches das vor-
wissende denkende Ich bei seinem Geschäft der Ordnung der dem
Erlebten gibt"; es ist dem Denken „als ob es da etwas gefordert hätte"; was
das Denken fordert, das „gilt" für das Denken). — VgL Norm, Sollen, Im-
perativ.
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften