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SOKRATES den Begriff (s. d.). Ihm folgt PLATON, der das Seiende, die „Idee"'
(s. d.) als Gegenstand des reinen Begriffs von den stets veränderlichen sinn-
lichen Erscheinungen unterscheidet. Das Sein der Idee ist zunächst ihr zeit-
loses Gelten, an dem die Erfahrungsobjekte nur „Anteil" haben (Methexis).
Metaphysisch wird dieses Sein dann zu einem Enthaltensein der Ideen in einem
„überhimmlischen Orte" (vgl. NATORP, Ideenlehre, S. 465 f.). Auch nach
ARISTOTELES wird das Seiende im Begriffe (s. d.) erfaßt. Das Seiende hat
an allen Kategorien (s. d.) Anteil, ist aber kein Gattungsbegriff, denn es hat
keine Arten (Metaphys. III 3, 22; VII 1, 10 ff.; vgl. V, 7; VI,
4; XII, 8; vgl. Form, Substanz, Wesen). — Nach PLOTIN emaniert das
Seiende aus dem „Einen" (s. d.) und ist Produkt des Geistes Indem
das Eine sich anschaut, wird es Denken und Sein in Einem, so daß der Geist
alles ist, das Seiende (als die „intelligible in sich befaßt, als ein ewiges
Schaffen, sich des Einen (Ennead. 8, 10; V, 2, 1; V, 4, 2;
VI, 2, 2; 8, 16 ff.).
Als das absolut, wahrhaft, eminenter Seiende gilt oft Gott (s. d.). So nach
GREGOR VON NYSSA, AUGUSTINUS (Confession. VII, 11); vgl. JOH. SCOTUS
ERIUGENA, De division. natur. I, 3 ff. Die Scholastiker unterscheiden vom
göttlichen S. („esse per essentiam"), durch das bloße Wesen schon Existieren, das ge-
schaffene, endüche S. („esse participatum"), ferner meist Wesenheit (essentia) und
Dasein (existentia; so schon AVICENNA; „essentia quod est", und „esse, quo est":
U. a.). Daß das „ens" kein Gattungsbegriff ist, betont THOMAS VON
AQUINO (Sum. theol. I. 3, 5 c; Contr. gentil. I, 25); es ist der Begriff, in welchen
der Intellekt „alle Begriffe auflöst" („omnes conceptiones resolvit"). Wirkliche
Existenz ist das reale Sein („esse reale"), von dem das gedachte Sein zu
unterscheiden ist (vgl. Objektiv, Inexistenz, Intentional). Die „Univokation"
(Gleichartigkeit) des allgemeinen Seinsbegriffes betont DUNS SCOTUS (vgl.
MINGES, Philos. Jahrb., 1907). — Das absolute, unveränderliche S. schreibt
SPINOZA der einen, göttlichen „Substanz" (s. d.) zu, zu deren Wesen die Exi-
stenz notwendig gehört („ad naturam substantiae pertinet existere — ipsius essentia
necessario existentiam", Eth. I, prop. VII; prop. XX). Das Existieren
ist eine Vollkommenheit (prop. vgl. Ontologisch). — Nachdem DESCARTES
das Vorbild alles Seins im denkenden Subjekt gefunden („cogito ergo sum"),
weist LEIBNIZ darauf hin, daß wir den Begriff des Seins (Wesens) aus uns
selbst haben („je voudrais bien comment nous pourrions avoir de
si nous des et ne trouvions ainsi en
nous", Nouv. Essais I, K. 2, § 23; vgl. TURGOT, Art. „Exi-
stence"). CHR. WOLFF definiert Existenz als Aktualität oder als Erfüllung der
Möglichkeit („complementum possibilitatis", Philos. rational., § 174). Wirklich
ist vollständig bestimmte Ding. Ein Seiendes (ens) im Allgemeinen ist
„alles, was sein kann, es mag wirklich sein oder nicht" (vgl. PICHLER, Über
Chr. W.s Ontologie, 1910). Als das Sein an einem Orte und in einer Zeit be-
stimmt die Existenz CRUSIUS (Vernunftwahrheiten, § 46). HUME betont, der
Begriff der Existenz sei nicht von dem eines Gegenstandes verschieden;
wir vorstellen, stellen wir eo ipso als existierend vor („whatever we conceive, we
conceive to be existent"). Die Idee der Existenz fügt der Vorstellung eines
Gegenstandes nichts hinzu no addition to it"; vgl. Treatise II, sct. 6;
III, sct. 7).
Letzteres lehrt auch KANT, nach welchem Existenz kerne Eigenschaft unter
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Handwörterbuch der Philosophie
- Title
- Handwörterbuch der Philosophie
- Author
- Rudolf Eisler
- Publisher
- ERNST SIEGFRIED MITTLER UND SOHN
- Location
- Berlin
- Date
- 1913
- Language
- German
- License
- CC BY-NC 3.0
- Size
- 12.7 x 21.4 cm
- Pages
- 807
- Keywords
- Philosophie, Geisteswissenschaften, Objektivismus
- Category
- Geisteswissenschaften