Page - 32 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
„Zivilisationsmission“ verknüpfte, diente dem Lokalanzeiger zugleich auch
dazu, den „verbündeten Doppeladler“ möglichst vital und zukunftsfroh zu
präsentieren, eine Sichtweise, die bekanntermaßenkeineswegs selbstverständ-
lichwar.Die viel gelesene nordböhmischeReichenberger Zeitungblieb gewiss
nicht allein, als sie am 1. Jänner 1901 in ihrer Vorschau auf das kommende
Zentennium ein düsteres Zukunftsbild für das Habsburgerreich entwarf. Das
Reich,hießes,seidabei,„wirtschaftlichzurückzufallen,unfähig,sichausseiner
LethargieaufzuraffenundmitdenumliegendenStaatenzuwetteifern“.Überall
mehrten sich die „Zeichen“ von „Stagnation und Rückgang“, gäbe es für die
„BewohnerdesaltenKaiserstaates“genugGrund,mit „berechtigtemPessimis-
musdesVaterlandesweitereEntwicklung“zu„erwarten“.22
NebendenmilitärischenwieaußenpolitischenSchlappenderVergangenheit
und der konfliktgeladenen ,Ethnisierung‘ weiter Gesellschaftsbereiche trugen
aktuelle internationale Krisen zur Verbreitung eines problematischen Sitten-
bildes der Monarchie bei.23 Spannungszustände intensivierten nachrichten-
dienstlicheAktivitätenunddieSuchenach fremdenAgentenund ,Verrätern in
den eigenen Reihen‘. Die Presse berichtete gehäuft von Skandalen, Korrupti-
onsaffären, einer ideenlosen Verwaltung, einem verrotteten Staatsgebilde im
ZustandderSelbstzerfleischung,einemReich„aufdemKranken-“undvielleicht
schon„aufdemTotenbett“.24
Allerdings ließen sich die Angriffe und ,Enthüllungen‘, die Arbeit der Jus-
tizorgane, parlamentarischeAnfragenundArtikel ,neugierigerReporter‘ auch
als Entstehen einer ,Öffentlichkeit‘ und einer fortgesetztenDemokratisierung
verstehen.JedenfallswardieZeitum1900keineswegsbloßvomAbgesangaufdie
alteOrdnunggeprägt.WidersprüchlicheZeitkommentareließendurchausPlatz
für Zuversicht inmitten offensichtlicher sozialer, politischer, kultureller und
technisch-wissenschaftlicherTransformation.25
Gerade das Jahr 1908, in dem auch das sechzigjährige Kronjubiläum von
Kaiser Franz Josef gefeiert wurde, bot Gelegenheit zu differenzierteren Be-
trachtungen. Selbst die dem ,allerhöchsten Hause‘ und den großbürgerlich-
aristokratischen Eliten keineswegs (nur) wohlgesonnenen Sozialdemokraten
hielten etwa in ihremParteiblatt, derArbeiter-Zeitung, am 2.Dezember 1908
22 Zitiert nachMarkCornwall, Einleitung, in: ders. (Hg.), Die letzten Jahre derDonaumon-
archie.Der ersteVielvölkerstaat imEuropades frühen20. Jahrhunderts [Übersetzungder
englischenAusgabe2000],Wegberg2004,S. 13–23,hierS. 13.
23 Pieter M. Judson, The Habsburg Empire. A New History, Cambridge 2016, S. 299–316;
HannesLeidinger/VerenaMoritz,DerErsteWeltkrieg,Wien2011,S. 24–28.
24 Österreichisches Staatsarchiv, Kriegsarchiv, Militärkanzlei Franz Ferdinand 1913: 1424/
1–16;Danzer’sArmee-Zeitung(05.06.1913), S. 8.
25 Hannes Leidinger, Skizzen einer Epoche, in: VerenaMoritz/ders. (Hg.), Oberst Redl. Der
Spionagefall –DerSkandal–DieFakten,St.Pölten2012,S. 245–295,hierS. 264–269.
HannesLeidinger32
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918