Page - 34 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Sache nach nicht neue“ Phänomen vorstellten, das es seitens der „Proletarier
aller Länder“ entschieden zu bekämpfen galt. Zuvorderst brandmarkte man
damit hier dieWeltherrschaftspläne Englands. Aber auch Frankreich, Italien,
RusslandunddieVereinigtenStaatenstandenin„antikapitalistischenAnalysen“
ebensoamPrangerwiedieBalkanpolitikÖsterreich-Ungarns.30
DieWahrnehmungvomVerblassen imperialerhabsburgischerMachtentfal-
tung gingHand inHandmit einer zunehmendnegativenBeurteilungdes Im-
periumsbegriffes und einer Intensivierung der Imperialismus-Debatten. Die
Donaumonarchie geriet dabei immerwieder indenFokusderBetrachtungen.
„DieFragendesImperialismus“,erklärtederSPD-TheoretikerEduardBernstein
imRahmeneinesVortrages, dener14.November1912 inWienhielt, „können
nirgendwobesserverstandenwerdenalsindiesemLande.SchoninderFrühzeit
meinersozialdemokratischenTätigkeit,alsoschonvordreibisvierJahrzehnten,
istesmiraufgefallen,wiegeradeösterreichischeArbeiter,die ichkennenlernte,
einbesonderesVerständnis fürdieFragendergroßenPolitikzeigten,wieesbei
reichsdeutschenArbeiternkaumzu finden ist.Dieses Interessekönnenwir als
eineRückwirkungdes ImperiumsdiesesReiches aufdieGeister betrachten.“31
Mit den für das Publikumwohl auch schmeichelhaftenWorten leitete der
RednerdannzuterminologischenFragenüber,wobeierden„Imperialismus“als
„Wille zurBildungvonStaatswesen“bezeichnete, „die ausmehr als einer […]
Völkerschaft bestehen“ und in denen dominante Nationalitäten herrschen,
bisweilen aber auch „Dynastien“. Das „Vorhandensein eines Imperators“ sei
hingegennichtnötig.Frankreichetwakönne„heuteinweitgrößeremMaße“als
Imperium angesehenwerden „als zu der Zeit, da es Kaiserreichwar“. Dabei
entstehe, wie das Idealbild des „altenRom“ zeige, auch eine Friedensordnung
„auf breiterer Grundlage“, geprägt von der Überwindung eines begrenzten
Horizontes zugunsten eines „Weltgeistes und -rechtes“ sowie einer „Weltwirt-
schaft“, einemHerrschafts- undGesellschaftsgefüge, demallerdings auch eine
TendenzzurMaßlosigkeit innewohne,zurAusdehnungdesEinflussesüber„das
KönnenseinerVerwaltungskraft“hinaus.32
Demokratisierung und Aufstieg der „Arbeiterklasse“ brächten dann aber
einen Wandel mit sich, ebenso wie eine Tendenz zur Föderalisierung, bei-
spielsweise in Form der Aufwertung der Dominions im britischen Empire.
Letzteres sei solcherart „aufdemWegezueinemBundevonReichsstaaten“. In
Summe stelle sich der Imperialismus vor allem in räumlicher undmentaler
Hinsicht,wieauchdieMachtderBourgeoisieunddesKapitalismusvorallemaus
30 Böhmerwald-Volksbote. SozialdemokratischesOrgan für Südböhmen7 (17.12.1912), S. 1.
31 Arbeiter-Zeitung314(15.11.1912), S. 8.
32 Arbeiter-Zeitung314(15.11.1912), S. 8.
HannesLeidinger34
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918