Page - 47 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
trassiertwurden.ZudemscheintdieHabsburgermonarchie einige charakteris-
tischeZüge inbesondererWeise entwickelt zuhaben, die fürdie Imperienfor-
schung relevant sind.Dazugehört etwadasSpannungsverhältnis zwischender
äußerenExpansionsfähigkeit (nicht zwingend imterritorialenSinne)unddem
innerenZusammenhalt beziehungsweise der inneren Stabilität, aber auch der
immer wieder betonteVielvölkercharakter, der beiÖsterreich-Ungarn als be-
sonders ausgeprägt gilt (und zugleich erinnerungskulturell vermarktet wird),
jedoch bei Imperien für eines der allgemein gültigen, ja definitorischen Cha-
raktermerkmalegehaltenwird.
Vor diesem Hintergrund steht nicht nur der Schwerpunkt der folgenden
Ausführungen, sondern er bildete auch die zweite Herausforderung derWar-
schauerKonferenz.BekanntlichdurchliefdiehistorischeImperienforschung in
den letzten anderthalb Jahrzehnten eineüberaus rasante Entwicklung, dies in
einer semantischen Reihe und parallel zu anderen Forschungsbereichen wie
Identität,Grenze,Raum,postcolonialstudies.4Manchewollengareinen imperial
turndiagnostizieren,umdenGegenstandihres Interesseszunobilitieren,denn
die turns sind bekanntlich in den Geisteswissenschaften eine sehr vornehme
Familie.DochaufderanderenSeite zeigte sichdie fürderartdynamische, sehr
breit kontextualisierte, in ihren methodischen Zugängen vielfältige For-
schungsrichtungen typische Verschmelzung zwischen Konzept, Begriff und
Metapher – in diesem Fall jene des Imperiums und des Imperialen. Die
Schwierigkeit, eineÜbereinstimmungbeiderzentralenbegrifflichenIkonedes
Forschungsdiskurses zu erreichen, erscheint daher nicht überraschend. Wie
allerdingsviele andereBeispiele (Identität, Elite,Kultur,Konflikt…)zeigen, ist
eine solche Situation trotz vieler Probleme für den Forschungsdiskurs nicht
hinderlich,vielmehrkannsiesichstattdessenproduktivauswirken.Dazugehört
auch das nachhaltige Innovationspotential vieler konzeptuellerMissverständ-
nisse. Jedenfalls kann aus historiografischer Sicht aus derart offenen Begriff-
lichkeiten zumindest einVorteil gezogenwerden, indemgefragtwird,was die
historischen Akteure in verschiedenen Kontexten und historischen Perioden
unter welchenBegriffen verstanden,wie sie also das Imperiale – ob expressis
verbisodernicht –definierten,wahrnahmen, beurteiltenunderklärten. Einen
zweitenAuswegbieteteinVersuch,das„schrankenloseWirrwarr“5anexpliziten
4 ImKontext der Habsburgermonarchie des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts vgl. etwa
Moritz Cs#ky/Johannes Feichtinger/Ursula Prutsch (Hg.), Habsburg postcolonial. Macht-
strukturenundkollektivesGedächtnis (Gedächtnis –Erinnerung– Identität, 2), Innsbruck
2003(hier v.a.dieEinführungsstudienvonJohannesFeichtingerundUrsulaPrutsch).
5 DieseMetapher ist entlehnt aus demwissenschaftlichen Elitendiskurs: Urs Jaeggi, Die ge-
sellschaftliche Elite. Eine Studie zumProblemder sozialenMacht (Berner Beiträge zur So-
ziologie, 3),Bern 21967,S. 12.
DieHabsburgermonarchie–ein ImperiumihrerVölker? 47
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918