Page - 56 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Entwicklung seinerVölker zu schaffen. Diese Funktionwurdeweitgehend als
Schutzrolle verstanden. So formierte sich die Habsburgermonarchie in der
Frühneuzeit aus dem freiwilligen Zusammenschluss historischer Länder und
Nationen,umdiemitteleuropäischenLänderund ihreBevölkerungvorderos-
manischenGefahrzuverteidigen,unddiesenSchutzdannaufweitereGebietezu
erweitern,vondenendieOsmanenverdrängtwordenwären.Sogehtdiebetonte
SchutzfunktionbeiPalacky´undseinenAnhängernzumindestindieserRichtung
ineineimperialeExpansionsprogrammatiküber.DamiterreichtePalacky´nicht
nureinebreiteAkzeptanzimtschechischenundsüdslawischenDiskurs.Zudem
wurdenseine IdeenbegleitetvonderEntstehungparalleler, teilsähnlicher, teils
divergierenderVisioneneinesExistenzsinnsÖsterreichsundderdaraus resul-
tierendenpolitischenOrganisationderMonarchie:AndieserStelleseinurandie
VorstellungenvonFranjoRacˇki (1828–1894) in der kroatischenBewegung er-
innert – letzterer wie Palacky´ ein Historiker, zudemAgramer Domherr und
PräsidentderdortigenSüdslawischenAkademie,beidemdieIdeeeinesausdem
historischenGeistegewachsenenJugoslawismusdurchausmitderIntegrationin
dergesamtösterreichischenFöderationvereinbarwar.22
SchließlicherhieltdiesesThemainderzweitenHälftedes19.undamAnfang
des20. Jahrhunderts eineneueBrisanzausnationalerSicht.DieWienerRegie-
rungenstandenvorallemindenZeitenderKrisenaufdemBalkanunterstarkem
Druck der tschechischen, slowenischen und kroatischenÖffentlichkeit, hier
zugunsten der slawischenVölker zu intervenierenunddie dortigenNational-
bewegungen offen gegen das Osmanische Reich zu unterstützen. Die Brisanz
einersolchenVorstellungbestandindenKongruenzenundInkongruenzenmit
der habsburgischen Politik auf demBalkan. Sie war an einer Ausweitung der
österreichischenEinflüsse undDominanz in diesemTeil Europas interessiert,
dochdiessollteausSichtdesWienerBallhausplatzesvorallemdiezunehmenden
russischen Einflüsse eindämmen, wozu sich wiederum zumindest zeitweise
(Krimkrieg, Balkankrieg Ende der 1870er Jahre) eine Konservierung der for-
malen Herrschaft des Osmanischen Reiches über weite Teile des Balkans als
geeigneteStrategieanbot.23
DochderSchutzMitteleuropasgegendieOsmanenalsdiezentrale imperiale
IdeeÖsterreichshattesichspätestensseitdem18. JahrhundertauchfürPalacky´
22 Vgl. z.B. KostaMilutinovic´, Die ersten föderalistischen Ideologen unter denKroaten, in:
Südostforschungen26(1967), S. 239–275.
23 Zur Balkanpolitik des Habsburgerreiches und demKontext der Nationalbewegungen auf
demBalkan bzw. im Süden derMonarchie vgl. u.a.Wandruszka/Plaschka/Drabek (Hg.),
Donaumonarchie (wie Anm.18); Istv#n Dijszegi, Die Außenpolitik derÖsterreichisch-
UngarischenMonarchie 1871–1877, [Übersetzung aus demUngarischen],Wien 1985; am
neuestenvielfachbeiKonradCanis,DiebedrängteGroßmacht.Österreich-Ungarnunddas
europäischeMächtesystem1866/67–1914,Paderborn2016. Milosˇ
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Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918