Page - 60 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
satz der Kroaten, Slowaken, Tschechen und Rumänen gegen die ungarische
Revolutioneinerseits unddas tschechische, alsDynastie- undStaatstreue arti-
kulierte Engagement gegen Frankfurt andererseits erklären. Die damals zum
Vorschein gekommenen Gegensätze konnten imAllgemeinen bis zumErsten
Weltkrieg trotz zahlreicherAusgleichversuchenichtüberwundenwerden–die
wichtigstenKonfliktlinienwarenum1900, toutes proportions gard8es, imKern
nichtwesentlichandersalseinhalbes Jahrhundertzuvor.PolitischeOpposition
gegen einzelne Regierungskabinette und gelegentliche tiefe Konfliktemit der
Zentrale ergaben sich dann seitens der nationalen Repräsentationen ,kleiner
Völker‘ nicht aus einer Ablehnung des Gesamtstaates, sondern aus diversen
Vorstellungenüber seineweitereGestaltungundOrganisation. Sokonnteauch
weiter auf die SchutzfunktionderDonaumonarchiemit gewissenExpansions-
potentialen inKrisenmomenten immerwieder rekurriertwerden.
DiesogenannteBalkanfragewurdebereitserwähnt.BiszumErstenWeltkrieg
saheinTeilderkroatischenPolitiker,geführtvonJosipFrank(1844–1911),dem
Chef einer der Rechtsparteien, die Aufgabe der Donaumonarchie darin, die
Dominanzüber demBalkan auszubauen, hier eineGroßmachtposition einzu-
nehmen und die Balkanländer in den Gesamtstaatsverband einzugliedern, in
demdieKroatenübereinebreiteAutonomieverfügenwürden.33Einedergestalt
expandiertehabsburgischeHerrschaft,diemitderBefreiungderBalkanslawen
gleichgesetztwurde,würdedanneinen idealenAusgangspunkt fürdieVereini-
gungder kroatischenLänder imRahmender habsburgischenFöderationund
fürdieEinführungderkroatischenAutonomiebilden.SowohlKroatenalsauch
vorallemSlowenenberiefensichaufdieimperialeSchutzfunktionunddieRolle
ÖsterreichsalsGarant freierEntwicklung,alsnachdemKriegsverlustvon1866
die venezianischenGebiete unddamit auch einTeil der slowenischen Sprach-
gebiete fürÖsterreich verloren ging.34Aus ähnlichen Gründen reagierten die
tschechischenSpitzenrepräsentantenwährenddesKriegesäußerstausweichend
auf Bismarcks unkonkrete politische Angebote während der preußischen Be-
setzung Böhmens: Eine nationale Entwicklung sah man eben nur in einem
starkenReich, dass gegendiedeutsche imperialeExpansion schützenwürde.35
Umdie Jahrhundertwende steigerten sich noch das Bedrohungsgefühl von
derSeitedesrussischenunddesdeutschenReichesunddieNachfragenachder
33 ArnoldSuppan,DieKroaten, in:Wandruszka/Urbanitsch(Hg.),DieHabsburgermonarchie
1848–1918 (wie Anm.11), S. 723, unter Berufung auf Mirjana Gross, Povijest pravasˇke
ideologije (Monografije, 4),Zagreb1973,S. 435–440.
34 JankoPleterski,DieSlowenen,in:Wandruszka/Urbanitsch(Hg.),DieHabsburgermonarchie
1848–1918(wieAnm.11),Bd.3/2,S. 801–838,hierS. 808.
35 OttoUrban,Die tschechischeGesellschaft1848–1918(Anton-Gindely-ReihezurGeschichte
der Donaumonarchie undMitteleuropas, 2/1), [Übersetzung der tschechischenOriginal-
ausgabe1982],Bd.1,Wien1994. Milosˇ
Rˇezník60
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918