Page - 61 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Organisations- undSchutzfunktionderHabsburgermonarchie. ImOsten etwa
waren die russischen politischen Einflüsse in der Balkanpolitik eineUrsache,
warumdierumänischenRepräsentanteninSiebenbürgennichtzueineroffenen
Irredentaübergingenund sich stets aufWien orientierten – gegen die äußere
Gefahr und gegen den inneren Magyarisierungsdruck.36 Die Entstehung des
DeutschenReichesundseineWirtschaftsexpansionaufdemBalkan,woessich
gegendie Interessen seinesösterreichisch-ungarischenVerbündetendurchzu-
setzenbegann, ermöglichten seit demEndedes 19. JahrhundertsdieVerpflan-
zungdertschechischenAkzenteaufdenSchutzgegendendeutschenDrangnach
Osten–nunauch imsüdslawischenpolitischenDiskurs.37
Doch gerade auf dem Balkan und im südslawischen Bereich zeigten sich
verstärktneueAmbivalenzenundDilemmata.Hierwurdedasaustroslawistische
Programm immer durch die alternative Strategie einer südslawischen Staats-
bildung konterkariert. In der Frage vonBosnien undHerzegowina eröffneten
sichzudemneuestrategischeKonfliktlinienzwischenverschiedenennationalen
VisionenderimperialenGestaltungderMonarchie.DieVertreterderslawischen
BewegungenunterstütztenweitgehenddieOkkupationund teilweise auch die
Annexion, während die Ungarn diesem Schritt skeptisch gegenüber standen,
weil er zurweiterenVerstärkung sowohl der slawischenMehrheit inderMon-
archie als auch der kroatischenund serbischenKraft inUngarn selbst führen
konnte.VorallemdiegroßkroatischenNationalaktivistensaheninderAnnexion
einenSchrittzurVereinigungallervonihnenbeanspruchtenGebieteimRahmen
der Donaumonarchie.38Doch auch bei den Tschechen und Slowakenwurden
Befürchtungenvoneiner ungünstigenGewichtverschiebung gegenSüden laut.
DiesindenJahrzehnten,indenenalseineZwischenlösungeineTrialisierungdes
ReichestheoretischinsSpielgebrachtwurde.InverschiedenenKonzeptenwurde
jedocheherandieFormierungdesdrittenGliedes imsüdslawischenRaum,der
mit derOkkupationundAnnexionvonBosnienundHerzegowina tatsächlich
eine strategischeAufwertung, bevölkerungsstatistischeVerstärkungund terri-
torialeAbrundung erfuhr, gedacht.39 So theoretisierte etwa der in Böhmen le-
36 Keith Hitchins, Die Rumänen, in: Wandruszka/Urbanitsch, Die Habsburgermonarchie
1848–1918(wieAnm.11),Bd.3/1,S. 585–625,hierS. 598–600.
37 Suppan,DieKroaten (wieAnm.11), S. 727, hier auchweitereHinweise aufkroatischeund
tschechischeLiteratur.
38 Vgl. u.a.MirjanaGross, Erzherzog Franz Ferdinand und die kroatische Frage, in:Öster-
reichischeOsthefte 8 (1966), S. 277–299; vgl. auchArnold Suppan, Zur Frage einesöster-
reichisch-ungarischen Imperialismus in Südosteuropa. Regierungspolitik und öffentliche
Meinung um die Annexion Bosniens und der Herzegowina, in: Wandruszka/Plaschka/
Drabek(Hg.),Donaumonarchie (wieAnm.18), S. 103–131.
39 ZumKontext vgl. Janez Cvirn, Das „Festungsdreieck“. Zur politischen Orientierung der
Deutschen inderUntersteiermark (1861–1914) (ForschungenzurgeschichtlichenLandes-
kundederSteiermark,76),Wien2016,S. 249–261.
DieHabsburgermonarchie–ein ImperiumihrerVölker? 61
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918