Page - 65 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
sollte.DersogenannteTschechischeKorridorineinerreduziertenForm,derdie
Tschechoslowakeimit demKönigreichder Serben,KroatenundSlowenenvon
Bratislava ungefähr durch das heutige Burgenland nach Maribor verbinden
sollte, wurde dann tatsächlich bei den Pariser Friedensverhandlungen disku-
tiert– und verworfen.49Auch die wiederholten Projekte einer tschechoslowa-
kisch-polnischenKonföderation aus der Zwischenkriegszeit und der Zeit des
ZweitenWeltkriegs50machendeutlich:DieMonarchiewarweg, aber eswurde
nachneuenEntitätengesucht,die ihreunerfüllteMissionübernehmenwürden.
Nebendem„notwendigenSchaffenÖsterreichs“gibt es aucheinanderesBon-
motvonPalacky´,daszurFloskelwurde:„Wir[dieSlawen]warenvorÖsterreich,
wirwerdenauchnach ihmsein.“ Einenotwendige Suchenachdem„Wie“hat
Palacky´ inseineÄußerungsinngemäßeinbezogen.51
Sehenwiraufdie–sicheretwas inkohärenteundfluide–Programmatikder
Sprecher der nichtdominanten Kulturnationen bezüglich der Rolle und der
ZukunftderMonarchie, lassensichzusammenfassendstarkeZügeeiner impe-
rialen Staatsbildung konstatieren: DieMonarchie sollte über denRahmen re-
gionaler, historischer und nationaler Einheiten hinaus gehen und diese inte-
grieren.Dazuwurde ihr auch eine gewisseExpansionskomponente zuerkannt.
DiesePositionwar aber begleitet vonder erkanntenNotwendigkeit einerAus-
balancierung von verschiedenen Interessen nach außen und nach innen – es
wäre einThema für sich, zuzeigen,wie stark inÖsterreichzwischen1848und
1914die grundsätzlichenFragen indenKategoriendes ,Ausgleichs‘ behandelt
unddiskutiertwurdenundwie sie inderpolitischen, kulturellenund sozialen
Praxisnach1918weiterlebten.52ZudemsolltedieMonarchienachwievoreinen
multiethnischen, multikulturellen, vielsprachigen und multikonfessionellen
Charakterhabenunddiesennochverstärken.DurchdenUmbau ihrer inneren
Organisation sollten Strukturennach innen geschaffenwerden, die eine diffe-
renzierende und zugleich eine integrierende Funktion hätten. Einem solchen
Imperiumwurde eindeutig eineMission, eine leitende Idee zugrunde gelegt.
Österreich-Ungarnsollte zumImperiumseinerVölkerwerden.
Zuletzt, quasi alsEpilog,nocheineBemerkung:Die Imperienzeichnensich
meist durch eine lange anhaltendeWirkungsgeschichte aus,53 siewerden zum
49 Vgl.z.B.ArnoldSuppan,JugoslawienundÖsterreich1918–1938.BilateraleAußenpolitikim
europäischen Umfeld (Veröffentlichungen des Österreichischen Ost-und-Südosteuropa-
Instituts, 14),Wien1996,S. 563–564.
50 Zueltzt Michał Przeperski, Nieznos´ny cie˛z˙ar braterstwa. Konflikty polsko-czeskie w XX
wieku,Krakau2016,S. 337–355.
51 Palacky´,ÖsterreichsStaatsidee (wieAnm.19), S. 77.
52 Einen inspirativen, aber provokativen Einstieg in solcheÜberlegungen bietet Jirˇ&Grusˇa,
Benesˇ alsÖsterreicher.EinEssay,Klagenfurt2012.
53 Gehler/Rollinger, ImperienundReiche (wieAnm.6).
DieHabsburgermonarchie–ein ImperiumihrerVölker? 65
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918