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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
schenundlegitimatorischenZwecken“.67EbensohatderÜberseekolonialismus
Europas im18. und19. Jahrhundert deutlichvonden internenKolonisationen
aufdemKontinentgelernt,alsoz.B.dasbritischeIndien-ProjektvonIrlandund
soweiter.Vielweitergeht indesnochMariaMies,wennsie schreibt:
„EuropaistdasErgebnisvonKolonisierungen.[…]esistdasResultateinesaktivenwie
auchpassivenKolonialismus.DieseVerhältnisse betreffenvor allemdieVerhältnisse
zwischenMannundFrau,zwischenStadtundLand,zwischenMenschundNaturund
zwischenGeistundKörper.Kolonialverhältnissesinddadurchcharakterisiert,dasssie
hierarchischundnicht-wechselseitig sindunddass sie letztendlichdurchGewalt auf-
rechterhaltenwerden.[…]KolonialverhältnissesinddieverborgenenTiefenstrukturen
dessen,waswir ,europäischeZivilisation‘nennen.“68
ObnundieseDenunziationderBemächtigungsstruktur indenhierarchischen
Dichotomien dieser Identitätskonstruktionen den Begriff des Kolonialismus
überdehnt, sei einer weiteren Diskussion überlassen. Wie auch immer diese
Debatte ausgeht, bleibt dieser jedoch aus der Perspektive einer historischen
Sozial- und Kulturwissenschaft doch eine spezielle Ausprägung imperialer
Herrschaft, diedamitweiterhinalsOberbegriff fungiert;ähnlich sehe ichauch
dasVerhältnisvonPostkolonialismusundPostimperialismus,nämlichalsDia-
lektik einesDanach, einesDarüber-hinaus, aber auch eines heimlichen Fort-
wirkens.
Im 19. und 20. Jahrhundert gibt es zwei Reaktionen auf die erwähnte Ver-
schränkungvonDifferenzerzeugungnach InnenundAußen: Innationalstaat-
lichen Homogenisierungsprojekten, die durchaus auch imperial beziehungs-
weise imperialistischbetriebenwurden,zumBeispiel imdeutschenKaiserreich
undimKönigreichUngarn.AufderanderenSeitederhabsburgischenGleichung
stehtdas cisleithanischeÖsterreich, daskaumminder zentralistischallerdings
auf Differenzmanagement in einer frühen FormdesMultikulturalismus setzt.
Beide politischenLösungsversuche eines epistemisch selbst geschaffenenPro-
blems finden in späteren Staatsprojekten ihre Fortsetzung, wobei die Natio-
nalstaaten lediglich die innerenDifferenzen nach außen zu projizieren versu-
chen–durchFeindbilderundAssimilierungsprojekte,oderimschlimmstenFall
durchDeportationundVölkermord;dies zurErinnerung,dasdiemeistender
Nationalstaaten in unsererRegion keineswegs friedlich, sondern auf denGrä-
bernunzähligerOpfererrichtetwurden.DaszugrundeliegendeStrukturmodell
desEigenenunddesFremdenbeziehungsweisedesAnderenistindesimGroßen
67 Hans P. Bayerdörfer/Bettina Dietz/Frank Heidemann/Paul Hempel, Einleitung, in: dies.
(Hg.),BilderdesFremden.Mediale InszenierungvonAlterität im19. Jahrhundert (Kultur-
geschichtlichePerspektiven,5),Berlin2007,S. 7–16,hierS. 7.
68 MariaMies,ÜberdieNotwendigkeit, Europa zu entkolonisieren, in:ClaudiavonWerlhof/
Veronika Bennholdt-Thomsen/Nicholas Faraclas (Hg.), Subsistenz und Widerstand,
[ÜbersetzungderenglischsprachigenOriginalausgabe2001],Wien2003,S. 21–28,hierS. 23.
(Post-)Kolonialismus in ,Kakanien‘ 83
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918