Page - 92 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Balkanwidersprüchlich. So existierten noch bis in den Sommer 1914 hinein
PlänezurEinbindungSerbiens in ein zoll- undwirtschaftspolitischesBündnis
und Forderungen nach Präventivkrieg und Gebietserwerb nebeneinander –
nicht selten ineinunddenselbenKöpfen.Darauszuschließen,dassExpansion
auf demBalkankeinwesentlicherProgrammpunktösterreichisch-ungarischer
Machtpolitik gewesen sei, greift aber zu kurz. Das fortdauernde Interesse an
diesbezüglichen Kriegszielen durch den Weltkrieg hindurch, zumindest bis
1917,hatBenjaminFriedinseinerMonographiestarkbetont.10Auchwenndort
die innere Schlüssigkeit dieser Kriegszielpolitik vielleicht etwas zu sehr her-
ausgestelltwird,soistdochzweifellosklar,dassterritorialeExpansionszieleauf
KostenSerbiensundMontenegroskeineswegssounerheblichwaren,wieesder
Vergleichmit außereuropäischen Aspirationen anderer Großmächte zunächst
nahezulegenscheint, gingesdochdabei stetsumdiedauerhaftHegemonieauf
demwestlichenBalkan,weitüberdenLovcenunddieBuchtvonKotoroderdas
nordwestliche Serbien,BelgradundUmgebunghinaus.Geradeaus einer post-
kolonialenSicht, sohatderWorkshopgezeigt,wäre es lohnend,dieBewertung
derExpansionspolitikaufdemBalkanzuvertiefen.
Gegenüber Italien stand nicht derWunsch nach konkret benennbarenGe-
bietsgewinnen imVordergrund, sonderndienachhaltigemilitärisch-machtpo-
litischeSchwächungdesNachbarkönigreiches.EsgingumdieVorherrschaft im
Adriaraum,aufSeeundinsbesondereaufdemwestlichenBalkan.DieAbsicht,in
Albanien zudominieren, bestanddeutlich vor 1912/13, erhielt aber durch Ita-
liensAusgreifen1911unddieBalkankriegeerhöhteDringlichkeit.DaderKampf
gegen Italien der eigentlicheWunschkrieg der gesamtenMilitärführung war,
wärees falsch,ausdemFehlenkonkretbenennbarerGebietserweiterungeneine
grundsätzlich defensive Ausrichtung gegenüber dem südlichen Nachbarn zu
folgern. Das Verhältnis von Gebietserwerb und Einflusserweiterung, Besitz-
standswahrungundExpansion istkomplizierter.
Expansionsuggeriert initiativesHandeln,wennnichteinstarkesElementder
Aggression:AusbreitungaufKostenAnderer eben. SolcheTendenzen steckten
auch hinter denBestrebungen nach einemAusgreifen derHabsburgermonar-
chie. DieVerbindung vondefensivenundoffensivenElementen, vonVerteidi-
gungdesStatusquoundAngriffaufNachbarnundRivalen,erscheintbeinäherer
Betrachtung aber komplexer und eine Differenzierung zwischen beiden As-
pekten ist nicht immer einfach. Motivation, Programm und Aktionsformen
konnten in jeunterschiedlichenMischungsverhältnissenbeideElementeverei-
nen. InderSprachederZeitwurdenhier ,positive‘ expansionistischeZiele von
,negativen‘, dem Selbsterhalt der Habsburgermonarchie geltenden Zielen un-
10 MarvinBenjaminFried,Austro-HungarianWarAims in theBalkansduringWorldWar I,
NewYork2014.
GüntherKronenbitter92
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918