Page - 97 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Imperiums durch die politisch aktiven Teile der Bevölkerung, die Synergien
zwischenWiener Zentrale undNationalbewegungen, gerade im kommunalen
und regionalen Bereich, auch die für dasHabsburgerreich politisch nicht un-
wichtigenAmbivalenzen derModernität, zumalWien die Rolle als Labor der
Moderne eben nicht wirklich überzeugend zu spielen vermochte – all diese
AspekteveranschaulichendieErkenntnismöglichkeiten,die indergewandelten
Perspektive liegen.
Eine eindrucksvolle Synthese dieser Forschungsentwicklung bietet Pieter
Judson in seiner jüngstenMonographie über das Habsburgerreich, das dem-
entsprechend auch ganz zu Recht den UntertitelANewHistory trägt.16 Sehr
bündig formuliert Judson, wie sehr und wieso sich sein Blick von dem der
Historikerinnen undHistoriker früherer Forschergenerationenunterscheidet:
„TheexistenceofnationalistmovementsandnationalistconflictsinAustro-Hungarian
politicsdidnotweakenthestatefatally,andtheycertainlydidnotcauseitsdownfall in
1918.WithinAustria-Hungary nationalistmovements shaped their demands around
the institutionsandexpectationscreatedbyempire.“17
Im Anschluss an seine Analyse der Entwicklung des Habsburgerreiches seit
Mittedes 19. Jahrhunderts stellt erden älterenDeutungsmustern entgegen: „If
anything, thetensionscreatedbynationalistandimperial impulsesengendered
even greater creativity in imagining political.“18Worauf sich das inzwischen
obsolet gewordeneUrteil gründete, ist Judsonklar:
„Historiansdidnot simply invent the ideaofananachronistic empiredoomedtodie
well before thewar, thanks supposedly to theweakness of its internal institutionsor
their inability to face the challenges of modernity. In the decades before 1914 an
influential groupof participant observers in the empire’smilitary, bureaucratic, and
aristocratic elites also spread dire predictions about the inability of the empire to
survive.“19
VielePublikationender letztendreiJahrzehnteundauchdiehierversammelten
Tagungsbeiträge bestätigen Judsons Einschätzung weitgehend. Allerdings:
Großmachtpolitik spielt in dieser Perspektive keine Rolle und die Eliten in
Diplomatie sowieMilitärbleibenamRandederBetrachtung.Das istangesichts
der relativausdifferenziertenForschungzudiesenElitengrundsätzlich zuver-
schmerzen, aber für die Untersuchung der imperialen Herausforderungen
Österreich-UngarnsstelltesdennocheinMankodar. JudsonhatRecht,wenner
urteilt: „We historians can examine the state of the empire critically without
endorsingtherumpperspectiveofanincreasinglyanachronisticeliteasthemost
16 PieterM. Judson,TheHabsburgEmpire.ANewHistory,Cambridge2016.
17 Judson,TheHabsburgEmpire (wieAnm.16), S. 381f.
18 Judson,TheHabsburgEmpire (wieAnm.16), S. 382.
19 Judson,TheHabsburgEmpire (wieAnm.16), S. 382.
Expansion–ZwangsvorstellungoderKalkül? 97
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918