Page - 104 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
grenzte, von Eliten kontrollierteWeise stattfinden; die Armeewollte sich zu-
vorderst amAufbaudes Landes unddendort erzielten Erntenmessen lassen.
Rücksichtlose Massengewalt gegen Zivilisten fand sich nicht im damaligen
Denkhorizont. Und sowaren die Lebensmittelrationen für Selbstversorger in
Serbien –obwohl zuniedrig – zumindest bei FleischundFett sogar höher als
diejenigen inWien. Erst 1918 gab es ein gleichesNiveau.Der imperialenHer-
ausforderungdesWeltkriegs begegnetemanauf traditionelleArt undWeise.13
Polen
Die letzte Feststellung für den Feindstaat Serbien galt in nochweit höherem
MaßefürdasvonRusslanderoberteKongresspolenbeziehungsweisedessenTeil
unter österreichisch-ungarischer Besatzung. Galizien, das durchaus treu zur
Monarchiestand,diente lediglichganzzuAnfangalsBezugspunkt:Manwarals
siegreicher,Befreier‘gekommen,nichtalsGegner,undverstandsichalsFreund
der Polen. Entsprechend inszenierteman sich, und gerade in der Rivalität zu
Deutschland versuchteman, sich als die bessere Alternative zu präsentieren.
Freilich bestandendie tatsächlichenundwahrgenommenenKriegsnotwendig-
keitenfort,unddashießerneutNahrungsmangelinderHeimat.Eskamdeshalb
zueinerEntwicklung,diedasMilitärgeneralgouvernementLublinimmerweiter
weg vomgalizischenVorbild hin inRichtung vonMaßnahmenundPraktiken
wie inSerbienrückte.
DieÄhnlichkeiten sind, selbst wennGewalt gegenüber Einheimischen eine
rare Ausnahme blieb, frappierend. Auch in Polen träumte man von einer
Kornkammer,14 und die Gouverneure in Lublin waren lange Zeit damit be-
schäftigt,WienbeziehungsweiseTeschenundspäterBadendavonzuüberzeu-
gen,dassdemkeinesfallssosei.Das istumsobemerkenswerter,alsesdurchaus
gezieltangeforderteExpertisegab:WienhatteimFrühjahr1915dengalizischen
AgrarökonomenProf.KazimierzvonRogoyski insbesetzteGebietentsandt,um
die lokalenBedingungenzuuntersuchen.Rogoyski berichtete ausführlichund
13 Gumz,TheResurrectionandCollapseofEmpireinHabsburgSerbia(wieAnm.10),S. 234f.,
244f.u. 174–176.
14 Bedeutende Industrie gab es nur imKohlebeckenvonDa˛browa, vondemeinDrittel zum
Militärgeneralgouvernement Lublinund zweiDrittel zumdeutschenBesatzungsgebiet ge-
hörten. Die dortigen Zechen deckten 1915 immerhin 5% des Kohlebedarfs der Doppel-
monarchie; ein Jahr später war die Ziffer auf 4,5% gefallen, aber das lag auch an den
gesteigerten Importen vor allem ausDeutschland. Alleine imDezember 1916wurden auf
k.u.k.-Seite110.000TonnenKohlegefördert.Vgl.Lehnstaedt,ImperialePolenpolitikinden
Weltkriegen (wieAnm.8), S. 290–293; zumTraumvonder ,Kornkammer‘ Lehnstaedt, Im-
perialePolenpolitik indenWeltkriegen(wieAnm.8), S. 326–329.
StephanLehnstaedt104
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918