Page - 129 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Als 1869 mutmaßlich von Montenegro unterstützte Unruhen in der zu
Österreich-Ungarn gehörendenKrivosˇije in der unmittelbarenNachbarschaft
Kotors ausbrachen, fürchteteWiendenVerlust seinesKriegshafens andasbe-
nachbarte, nun säkularisierteMontenegro. Eine vonMontenegro beherrschte
Bucht vonKotorhätte vermutlichbedeutet, dassdasRussischeReichdendor-
tigenHafenhättemilitärischnutzenkönnen,waseiner strategischenKatastro-
phe für das Habsburgerreich gleichgekommen wäre. Andere österreichisch-
ungarische Entscheidungsträger vermuteten das Königreich Italien hinter
denUnruhen, auchwenn es dafür keinerlei Beweise gab: Das grundsätzliche
italienische Interesse am Ostufer der Adria und die wachsende italienische
Kriegsflotte reichte für alleVerdächtigungen aus.45 Schnell eskalierte die Lage.
Verstärkungen konnten aber nur langsam herangeführt werden, denn eine
Landverbindung zwischen der Bucht von Kotor und dem übrigen südlichen
Dalmatien bestand nicht, da die Sutorina zum Osmanischen Reich gehörte.
Zudem war Süddalmatien um Dubrovnik vom übrigen Österreich-Ungarn
durchdenosmanischenLandkorridorumNeumgetrennt.WährenddieArmee
desHabsburgerreichesalsoerheblicheNachschubproblemehatte,verfügtendie
Aufständischenüber einen idealenRückzugsraum:dasbenachbarteMontene-
gro.
In diesem Kontext trat nun der k.u.k.-Außenminister Gyula Andr#ssy
(1823–1890) aufdenPlanundstelltemit deutlichenWortendie Interessender
Habsburgermonarchie klar: „[…] das Ziel unserer Politik geht dahin, die
westlicheHälftedesBalkans–ichwillsienichterobern–dauerndunterunseren
Einflußzubekommen.“46SoerweiterteÖsterreich-UngarnseinGebietnachden
AufständenundKriegenaufdemBalkan seit 1875unddemRussisch-Osmani-
schen Krieg (1877–1878) auf Kosten des Osmanischen Reichs erheblich: Die
BerlinerKongressakte (1878)gestattetedemHabsburgerreichdie ,Okkupation‘
BosniensundderHerzegowina.DadurchfielensowohldieSutorinaalsauchdas
Gebiet vonNeum an die Habsburgermonarchie, womit erstmals eine direkte
Landverbindung des südlichsten Teils Dalmatiens und damit Kotorsmit dem
Rest derHabsburgermonarchie bestand. Auch annektierteÖsterreich-Ungarn
die Ortschaft Sutomore nördlich von Bar, Sutomore blieb bis zum Ende der
Habsburgermonarchiedessen südlichsteGemeinde.DurchdieseGrenzkorrek-
turbefand sichderwichtigstemontenegrinischeHafen,Bar, inReichweite der
Küstenbatterien des Habsburgerreiches.47 Zur gleichen Zeit befand sich der
45 LawrenceSondhaus,TheNavalPolicyofAustria-Hungary,1867–1918.Navalism, Industrial
Development, andthePoliticsofDualism,WestLafayette1994, S. 13.
46 Theodor von Sosnosky, Die BalkanpolitikÖsterreich-Ungarns seit 1866, Bd.2, Stuttgart
1913–1914,S. 19.
47 Siehe JohnDavidTreadway, The Falcon and the Eagle.Montenegro andAustria-Hungary,
1908–1914,WestLafayette1983,S. 32–63.
DerDrangnachSüden 129
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918