Page - 173 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
gerder sunnitischenReligionstradition,7undnach ihremEigenverständnis ein
„Hort derRechtgläubigkeit, Bewahrerder altenOrdnungundVerfechter einer
weitgehenden Sonderstellung im Osmanischen Reich“.8 Ein großer Aufstand
einheimischer Eliten inBosnienwurde in den frühen 1850er Jahrenvon loya-
lenosmanischen Truppen blutig niedergeschlagen. 1857 folgten Erhebungen
christlicherBauerngegenLandbesitzer, die ihreGüter (Åiftlikler) rücksichtslos
erweiterten.9DerDiplomatCarlSax (1837–1918)vertrat1863 ineinemAufsatz
dieMeinung, die bosnischenMuslime stünden „anReligionsfanatismusunter
allenBewohnerndereuropäischenTürkeiobenan.Siewarenes,welchesichden
civilisatorischenReformenderletztenSultaneamlängstenwidersetzten,undsie
tragen auch dadurch einen grossen Theil der Schuld, dass Bosnien trotz der
NachbarschaftKroatiensundDalmatiens fastallerCivilisation fremdblieb“10–
eine Ansicht, die inÖsterreich, aber auch in anderen europäischen Staaten
durchausverbreitetwar.
Für Politiker undMilitärs inderHabsburgermonarchie gewannderBalkan
als potentieller Expansionsraumnach derNiederlage im so genannten ,Deut-
schenKrieg‘ von 1866 stark an Bedeutung. Aus strategischer Sicht waren die
dalmatinischenHäfen nachdemVerlust der Stützpunkte inVenetien deutlich
wichtiger geworden, was etwa der populäre Admiral Tegetthoff betonte.11Die
späten 1860er sowie die 1870er Jahre brachten demnach auch neueÜberle-
gungen fürdenzukünftigenUmgangmitdenosmanischenProvinzenBosnien
undHerzegowina.EsgabetwaPläne,inAbsprachemitRusslanddieseGebietein
Besitz zunehmen, dadasEndedesOsmanischenReiches ohnehinkurzbevor
stünde,odersichdashistorische,Türkisch-Dalmatien‘einzuverleiben,während
derRest Bosniens undderHerzegowina –unter weiterhin bestehender osma-
nischer Suzeränität – administrativmit dem Fürstentum Serbien zusammen-
7 BertoldSpuler,DieLagederMuslimeinJugoslawien, in:DieWeltdesIslamsN.F.26(1986),
S. 124–140,hierS. 124.
8 ValeriaHeuberger,Unter demDoppeladler.DieNationalitätenderHabsburgerMonarchie
1848–1918,Wien 1997, S. 96.Okey zufolge ist auch zuberücksichtigen, dass ein sich zwi-
schenKrieg undFriedenbewegenderAlltag zurEntwicklung einer besonderen, vonExis-
tenzangstmitgeprägtenMentalität beitrug; sieheRobinOkey,TamingBalkanNationalism.
TheHabsburg ,CivilizingMission‘ inBosnia, 1878–1914,Oxford2007,S. 5.
9 JosefMatuz,DasOsmanischeReich.GrundlinienseinerGeschichte,Darmstadt1985,S. 232f.
Andieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass natürlich nicht nur christliche Bauernunter
derartigenVerhältnissen zu leidenhatten, sondernauchweiteTeile dermuslimischenUn-
terschichten.
10 Carl Sax, Skizzen über die Bewohner Bosniens, mit einer geographischen Einleitung, in:
Mittheilungenderkaiserlich-königlichenGeographischenGesellschaft 7 (1863), S. 93–107,
hierS. 101.
11 Gisela Hünigen, Nikolaj Pavlovic Ignat’ev und die russische Balkanpolitik 1875–1878
(GöttingerBausteinezurGeschichtswissenschaft, 40),Göttingen1968,S. 19.
,Zivilisierungsmissionen‘ imglobalenVergleich 173
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918