Page - 203 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
Volksegoismus“29vonWilhelmJordan,dem linksnationalenAbgeordnetender
Paulskirche, der 1848 polnische Ansprüche auf die Provinz Posen vehement
zurückgewiesenunddie,Polenfreunde‘politischerNaivitätgeziehenhatte.30Ein
weitererpunktuellerReferenzautorbezüglichdesnationalenPrinzips–der je-
dochnurzeitweisedenAlldeutschenangehörteund imGanzenungleichdiffe-
renzierter dachte als Dmowski – warMaxWeber. Nachdem er in den 1890er
Jahren die Zurückdrängung des Polentums impreußischenOsten unterstützt
hatte, sahWebernach1905gerade amrussischenBeispiel das Integrationspo-
tenzialeinerweitreichendenKulturautonomiefürdiePolenundpropagiertesie
gegenüber der preußischen Regierung. Ähnlich Dmowski sah er zugleich
Russlandals zwarkulturell unterlegene, abermittels ihresmilitärischenKraft-
potenzials eventuell kriegsentscheidendeMachtan.31
JjzefPiłsudski,derseinerseitsDmowskisHaltungalsderpolnischenFreiheit
abträglich ansah, schuf umgekehrt seine politische Strategie aus der Gegner-
schaft zuRussland heraus, dessen Zurückdrängung ausMitteleuropaund all-
gemeineSchwächung ihmalsVoraussetzung fürdie staatlicheRenaissancePo-
lens erschien.32Daherkollaborierte er 1904mitdemjapanischenAußenminis-
teriumundleitete1905alsradikalerAngehörigerderPolnischenSozialistischen
Partei (PPS)BarrikadenkämpfeundÜberfälle auf russischeBehörden inKon-
gresspolen.Nach seiner Flucht nachGalizien1908beganner eineZusammen-
arbeitmitdemösterreichischenmilitärischenGeheimdienstundbaute irregu-
lärepolnischeVerbändealsHilfstruppen imzukünftigenKrieggegenRussland
auf.SeinVerhältniszudenMittelmächtenwardabeineutralundausschließlich
Nützlichkeitserwägungenunterworfen;anderDiskussionum,pangermanische‘
Konzeptionen beteiligte er sich nicht. Vor allemnach 1918 verband sich sein
Namemitder scheinbaregalitärenIdeeeinerFöderation imOsten,dievonder
Traditionder kresybeeinflusstwar, jener Länderdes seit demspäten 14. Jahr-
hundert mit Polen verbunden gewesenen Großherzogtums Litauen, dessen
Führungsschichten sich schrittweise polonisiert hatten (der kleinadlige
Piłsudski bezeichnete sich selbst nach seiner Herkunftsregion als ,Litauer‘33).
29 Dieses Zitat aus seiner Rede vom24. Juli 1848 findet sich z.B. beiMartin Broszat, Zwei-
hundert JahredeutschePolenpolitik,München1963,S. 85.
30 ZuDmowskisallpolnischerIdeologieundihrentransnationalenBezügenausführlichRoland
Gehrke,DerpolnischeWestgedankebis zurWiedererrichtungdespolnischenStaatesnach
Ende des ErstenWeltkrieges. Genese und Begründung polnischer Gebietsansprüche ge-
genüberDeutschland imZeitalterdesNationalismus,Marburg/Lahn2001,S. 116–127.
31 Vgl.WolfgangJ.Mommsen,MaxWeberunddiedeutschePolitik1890–1920,Tübingen32004,
S. 61–64.
32 AlsÜberblicksiehenochstets JanMolenda,Piłsudczycyanarodowidemokraci1908–1918,
Warschau1980.
33 Seit dem19. Jahrhundertwurdedieser Zusammenhang impolnischen Sprachraumdurch
AdamMickiewiczs Poem PanTadeusz vermittelt, das in Litauen spielt. Zumallgemeinen
Mitodergegenden ,Pangermanismus‘ 203
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918