Page - 247 - in Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen - Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
ZugleichwardieVerbandstätigkeit aber invielerleiHinsicht auchvonegali-
sierenderWirkung. Dies ist vor allem daran ablesbar, dass sich im Verband
Musiker/-innen völlig unterschiedlicher sozialer Herkunft und aus unter-
schiedlichen Musizierzusammenhängen vereinten. Entgegen der Lesart von
Georg Schinko, der imVerband ausschließlich einenPromotor zur Förderung
ganz bestimmter Formen hauptberuflichenMusizierens erkennt,65 präsentiert
sichbei genaueremHinschaueneinanderesBild. Jenseits desWienerMusiker-
bundes lässt sich nämlich beobachten, dass keineswegs nur Personen, die im
urbanen Kontext als Berufsmusiker galten, Vereins- und damit Verbandsmit-
glieder waren, sondern dass die musikalische Tätigkeit der imVerband ver-
sammeltenMusiker/-innen überaus vielfältig war – als eine direkte Folge des
Verbandsvereinssystems.Wie ließe sich sonst erklären, dass einVerbandsmit-
glied 1897unter lautemProtest seineMitgliedschaft imBrünnerMusikerbund
aufkündigte, weil in seinem Zweigverein „keine Berufsmusiker, sondern nur
Hausmeisterunterstützt“würden,66unddassumgekehrtderKorrespondentder
Musikerzeitung ausTeplice/Teplitz imSommer 1899 einPlädoyer für die Ein-
bindung von „Nichtberufsmusikern“ inZweigvereine unddenVerband abgab
unddabeibetonte,dasssichauchandernortsschonvielemusizierendeArbeiter
in Vereinen zusammengeschlossen hätten?67 Der Oesterreichisch-Ungarische
Musiker-Verband war in weitaus höheremMaße von sozialer Diversität ge-
kennzeichnetalsdiesaufdenerstenBlicksichtbarist.DieseDiversitätistalseine
direkteFolgedesVerbandsvereinssystemszubetrachten,durchdas sichunter-
schiedlichesozialeGruppenzueinerInstitutionvereintenunddiesedadurchzur
Begegnungszone vonVertreter/-innenunterschiedlichermusikalischerGenres
wurde.
Eine weitere Folge des Verbandsvereinssystems war die Vereinigung von
MusikernundMusikerinnen aus verschiedenenSprachregionen,was denVer-
band bald vor beträchtlicheHerausforderungen stellte, wie sich insbesondere
amUmgangmitderVerbandszeitungaufzeigen lässt.DieEnde1895vollzogene
Verbandsgründungfiel indieHochphasedesSprachenkonflikts,wieer inerster
Linie zwischen „Deutschen“ und „Tschechen“ ausgetragenwurde.68Dies hatte
auch unmittelbare Auswirkungen auf die Sprachpraxis des verbandseigenen
Presseorgans, derÖsterreichisch-Ungarischen Musikerzeitung. Das Selbstver-
ständnis derMusikerzeitung als Vereinsorganwar zwar seit deren Gründung
65 Vgl.GeorgSchinko,DifferenzierungenvonMusizierenundSingen(Österreich1918–1938),
Wien2015,S. 23f.
66 OeMZV/3(01.02.1897), S. 18.
67 OeMZVII/14 (16.07.1899), S. 100–102.
68 FüreinenÜberblickvgl. etwaAd8laHall,DeutschundTschechischimsprachenpolitischen
Konflikt. Eine vergleichende diskursanalytische Untersuchung zu den Sprachenverord-
nungenBadenisvon1897,Frankfurt amMain2008,S. 28–40.
HerausforderndeMusiker/-innenorganisation 247
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918