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© 2020, V&R unipress GmbH, Göttingen
ISBN Print: 9783847110606 – ISBN E-Lib: 9783737010603
,Oratores‘und ,Heroen‘:die ,deutschen‘Diskursgestalter
Dasbis1918aufrechteZensuswahlrecht aufkommunalerEbenebewirkte,dass
lediglicheinstarkeingeschränkterAnteilderBevölkerungaktivoderpassivan
denpolitischenDiskussions-undEntscheidungsprozessen teilnehmenkonnte.
DieLiberalisierungendesWahlrechtesaufstaatlicherEbene(1907:Allgemeines
Männerwahlrecht) konnten in Graz bis zum Ende der Habsburgermonarchie
nichtaufdiekommunaleEbeneheruntergebrochenwerden.
Doch auch innerhalb der Führungselite könnenwir von einer binnenhege-
monialenOrdnungausgehen:BürgerlicheFrauenwarenzwarüber spezifische
Vereine sowie Medienformen eingebunden – in Graz wurde 1893 die erste
Frauenortsgruppe des deutschnationalen Vereins Südmark gegründet,7 und
schonvor1848gabeseinenbürgerlich-katholischenFrauen-Verein–eineaktive
Teilnahme blieb ihnen aber bis 1919 verwehrt. Frauen aus der Arbeiterschaft
wareninnerhalbderArbeiterbewegungmarginalisiert,verfügtenaberübereine
wachsendeOrganisationsstruktur,dieTeilpartizipationzumindestermöglichte.
DaMänner auch die wichtigsten Formen der Herstellung vonÖffentlichkeit
–Gemeinderat undMagistratsverwaltung,Vereine, Zeitungen et cetera – kon-
trollierten, homogenisierten sie die schriftlicheÜberlieferung in ihremSinne,
was heute eine geschlechterdifferenzierende Historiographie ungemein er-
schwert.8
DiemaskulineHegemonialelitewar zwar inwirtschaftlichemund sozialem
Sinneheterogen, in ihrer sprachlichenundkulturellenZuordnung jedochho-
mogen:Deutsch!Lediglich imreligiösenSelbstverständnis gabes einegewisse
Vielfalt: Juden, Protestanten, freiheitlich orientierte Atheisten, Gottgläubige,
Metaphysiker et cetera, und, imVergleich zumRestder Steiermark indeutlich
geringererGröße, natürlichKatholiken.Die jüdischeGemeinde vonGrazwar
zwar imWachsen, hatte aber kaumpolitischenoderwirtschaftlichenEinfluss.
Auchdie beruflicheDifferenzierungdesGemeinderateswar nicht ausgeprägt:
Adelige, hohe Verwaltungsbeamte, Universitätsprofessoren, Industrielle und
Gewerbetreibende, Ärzte, Architekten und Rechtsanwälte dominierten; in
ideologisch ähnlichen Parteien waren Kleingewerbetreibende, Handwerker
sowiemittlereundniedereVerwaltungsbeamteorganisiert.Arbeiterhattenzwar
ihreAbgeordneten, derenAnzahl entsprach aber beiweitemnicht ihrerquan-
titativen Bevölkerungsstärke. Hinzu kam, dass rund dieHälfte der imUnter-
7 HeidrunZettelbauer, „DieLiebe seiEuerHeldentum“.GeschlechtundNation invölkischen
VereinenderHabsburgermonarchie,FrankfurtamMain2005,S. 97.
8 KarinM. Schmidlechner/Anita Ziegerhofer/Michaela Sohn-Kronthaler/Ute Sonnleitner/Eli-
sabethHolzer,GeschichtederFrauen inderSteiermark.VonderMittedes19. Jahrhunderts
biszurGegenwart,Graz2017,S. 8f.UmsowichtigersinddieindenletztenJahrzehntenunter
anderemvondenAutorinnenderzitiertenPublikationveröffentlichtenArbeiten.
Vomabwesenden ImperiumineinerperipherenMetropole 315
Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Title
- Österreich-Ungarns imperiale Herausforderungen
- Subtitle
- Nationalismen und Rivalitäten im Habsburgerreich um 1900
- Authors
- Wolfram Dornik
- Bernhard Bachinger
- Stephan Lehnstaedt
- Publisher
- V&R unipress GmbH
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7370-1060-3
- Size
- 15.5 x 23.2 cm
- Pages
- 362
- Keywords
- KUK, K.U.K, Habsburg, Monarchie, Österreich-Ungarn
- Categories
- Geschichte Vor 1918