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Parataxe und Hypotaxe | 177
Zu beachten ist hierbei die schwierige Zuteilung von koordinierendem weil
hinsichtlich bestimmter Gebrauchskontexte bzw. eines spezifischen diatopi-
schen, diaphasischen, diastratischen oder diamesischen Bereichs der Sprachva-
riation. Diese Problematik wurde in Arbeiten zur Dialektsyntax und zur Syntax
von Jugendsprachen häufig übersehen. So meinen etwa Boettcher/Sitta (1972:
141) und Gaumann (1983: 65) koordinierendes weil als Charakteristikum süd-
deutscher Dialekte klassifizieren zu können, während Baumgärtner (1959: 102)
dasselbe für die Leipziger Umgangssprache behauptet. Reiffenstein (1973) und
Wessely (1981) sehen weil mit Verbzweitstellung als Merkmal für das österrei-
chische Deutsch. Erst Patocka (1997) sowie später Lötscher (2004) und Scheutz
(2005) warnen davor, nur aufgrund des Vorkommens eines syntaktischen
Merkmals in einem Dialektkorpus darauf zu schließen, dass es sich um ein dia-
lektales Merkmal handelt. Lötscher fasst zusammen: „Dialektale Satzstrukturen
können mündlich bedingt und gleichzeitig dialektspezifische Erscheinungen
sein. Ob und inwieweit dies zutrifft, muss aber für jeden Fall einzeln untersucht
werden“ (Lötscher 2004: 178).
Vorsicht ist diesbezüglich auch in der Rezeption von Untersuchungen zu
syntaktischen Merkmalen in Jugendkommunikation geboten. Wie oben bereits
angesprochen wurde, stellt etwa Reinke (1994: 299) fest, dass die syntaktische
Spezifik jugendlichen Sprachgebrauchs u.a. in der bevorzugten Verwendung
parataktischer Konstruktionen (wie etwa der Verbzweitstellung in weil-
Konstruktionen) liege. Auch Androutsopoulos (1998) führt in seinem Kapitel zu
syntaktischen Mustern der deutschen Jugendsprache ähnliche Merkmale, da-
runter auch koordinierendes weil und obwohl, ins Feld. Der Autor beschließt
jedoch seine Ausführungen mit dem einschränkenden Hinweis, dass dieses und
andere vorher genannte syntaktische Muster nicht nur in seinem Jugendspra-
che-Korpus, sondern generell in gesprochener Sprache häufig zu finden seien
und dass die Auftretenshäufigkeit dieser Merkmale in der Jugendkommunikati-
on erst empirisch geprüft werden müsse (vgl. Androutsopoulos 1998: 281).
Schlobinski/Kohl/Ludewigt (1993) merken kritisch an, dass in bestehenden
Arbeiten zum jugendlichen Sprachgebrauch eher zufällig beobachtete als empi-
risch fundiert nachgewiesene Strukturmuster als typisch für die deutsche Ju-
gendsprache (die ja ohnehin nicht als homogener Untersuchungsgegenstand
angenommen werden kann) bezeichnet würden, wodurch ein falsches Bild der
Sprechweisen Jugendlicher im deutschen Sprachraum entstehe.223 Und auch in
||
223 Dies betrifft im Übrigen nicht nur Arbeiten zu syntaktischen, sondern auch zu lexikali-
schen Besonderheiten jugendlichen Sprachgebrauchs. So werden etwa Anglizismen gemeinhin
als typisch jugendsprachlich eingestuft. Schlobinski/Kohl/Ludewigt (1993) weisen jedoch
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Title
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Subtitle
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Author
- Melanie Lenzhofer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Size
- 14.8 x 22.0 cm
- Pages
- 502
- Category
- Geographie, Land und Leute