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204 | Empirische Analysen
semantischen Gemeinsamkeiten zwischen Relativ(satz)konstruktionen mit
Verbletzt- und jenen mit Verbzweitstellung auf. Sie hält fest, dass beide sich in
Bezug auf ihr Antezedens sowohl restriktiv als auch appositiv verhalten kön-
nen, wobei auch in gesprochener Sprache bei restriktiver Verwendung eher
Verbletztstellung anzutreffen sei. Prinzipiell sei beiden Realisierungstypen
(der/die/das mit Verbletzt- oder Verbzweitstellung) gemeinsam, dass das d-
Pronomen anaphorisch an eine Konstituente des vorangehenden Satzes an-
knüpfe und den Kasus durch das Verb bzw. eine Präposition des von ihm einge-
leiteten Satzes erhalte (vgl. Ravetto 2007: 241). Ravetto weist aber auch auf ei-
nen weiteren Unterschied (neben der Verbstellung) zwischen den beiden
Realisierungstypen hin. Zentral ist ihr zufolge, dass RV2 „auf die Position nach
der rechten Satzklammer festgelegt sind“ (244), also nicht im Vor- oder Mittel-
feld auftreten können. Diese topologische Restriktion259 kann gut anhand des
oben angefĂĽhrten Beispiels veranschaulicht werden:
Beispiel 79:
(a) Eine Seite, die ganz schwarz ist, hat das Blatt.
(b) *Eine Seite, die ist ganz schwarz, hat das Blatt.
Wie bei den weil-Konstruktionen mit Verbzweitstellung, so ist auch bei den
Relativkonstruktionen mit Verbzweitstellung die prosodische Realisierung ein
zentrales Kriterium in der Statusbestimmung der betreffenden Beispiele. In
Bezug auf die Relativsätze ist hier mit Antomo/Steinbach (2010: 10) festzuhal-
ten, dass sie „prosodisch integriert sein müssen“. Während weil-Konstruktionen
mit Verbzweitstellung syntaktisch und prosodisch desintegriert sein können,
sind Relativsätze mit Verbzweitstellung „wie die entsprechenden VL-Sätze in-
tonatorisch in ihren Matrixsatz integriert. Sie bilden mit diesem zusammen eine
Fokus-Hintergrund-Gliederung […] und werden ohne prosodische Pause ange-
schlossen.“ (Antomo/Steinbach 2010: 9).260 Kennzeichnend ist für die abhängi-
gen RV2 darĂĽber hinaus, dass sie zusammen mit ihrem Bezugssatz eine infor-
||
259 Aufgrund dieses topologischen Unterschieds und der unterschiedlichen Stellung des
finiten Verbs zieht Ravetto (2007) es vor, die betreffenden Belege nicht als Relativsätze (mit
Verbzweitstellung), sondern als d-V2-Sätze zu bezeichnen.
260 In Bezug auf die entsprechenden Relativsätze mit Verbletztstellung ist jedoch festzuhal-
ten, dass dieses Merkmal der gleichbleibenden Intonation nicht auf appositive Relativsätze
zutrifft. So schreiben etwa Zifonun et al. (1997: 63): „Restriktive RS [Anm. ML: Relativsätze]
werden in der Regel mit progredienter Intonation und ohne merkliche Pause an das Nukleus-
nomen angeschlossen, dagegen ist vor und ggf. nach appositiven RS ein deutlicher Intonati-
onsbruch, meist in Form einer kurzen Pause […] zu erkennen. Appositive RS konstituieren im
Gegensatz zu restriktiven eine eigene Akzentdomäne.“
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Title
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Subtitle
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Author
- Melanie Lenzhofer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Size
- 14.8 x 22.0 cm
- Pages
- 502
- Category
- Geographie, Land und Leute