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272 | Empirische Analysen
Beispiel 188: (-) do tüa ma lei amol so mit die ÖHren schlanggern. [ED 6, Z. 70]
ʹDa tun wir nur einmal so mit den Ohren wackeln. [Anm. ML: iSv. überrascht/verwundert sein]ʹ
Beispiel 189: mi tat_s interessieren ob die weibische am BOden schloft; [JD 13, Z. 1252]
ʹMich täte es interessieren, ob die Weibische [Anm. ML: die Frau] am Boden schläft.ʹ
Beispiel 190: (-) na oba de tat sunscht ban [NAme] oben oarbeten; [ED 4, Z. 1290]
ʹNein, aber die täte sonst beim [Name] oben arbeiten.ʹ
Dies deckt sich auch mit der Beobachtung Fischers (2001), dass die tun-
Periphrase im Gegenwartsdeutschen meist im Präsens Indikativ Aktiv und im
Präteritum Konjunktiv Aktiv verwendet wird, wobei auch der imperativische
Gebrauch (z.B. Tu jetzt schreiben!) möglich ist (vgl. Fischer 2001: 144). Hinsicht-
lich der verwendeten Tempora weist bereits Eroms (1984: 132) darauf hin, dass
die tun-Umschreibungen „im Bairischen ausschließlich im Präsens, also weder
in einer Vergangenheits- noch in einer Zukunftsform [begegnen].“
Darüber hinaus halten Abraham/Fischer (1998: 40) einige lexikalische
Kombinationsbeschränkungen in Bezug auf die tun-Periphrase fest: Bei der dem
auxiliaren tun nachgestellten infiniten Verbform kann es sich demnach nicht
um Modal- und Hilfsverben (*Er tut das nicht mögen/haben/sein/dürfen/wollen)
sowie Verba sentiendi (*Er tut das hoffen/glauben/meinen/denken/hören/füh-
len/sehen/spüren) handeln.337 Diese Restriktion sehen Abraham/Fischer in der
fehlenden Agentivität der Modal- und Hilfsverben bzw. der Verba sentiendi
begründet. Die von ihnen angeführten Beispiele zeigen, „dass tun in finiter
Form von seinen eingebetteten Prädikaten agentive Thematizität fordert“ (Ab-
raham/Fischer 1998: 40).
Für das Bairische wurde ein – im Vergleich zu anderen Dialekten des west-
germanischen Sprachraums – erhöhtes Vorkommen der tun-Periphrase im Kon-
junktiv II festgestellt (vgl. Eroms 1984: 128; Brinckmann/Bubenhofer 2012). Für
die nähere Auseinandersetzung mit der Frage, welche Rolle die tun-Periphrase
in der Osttiroler Freizeitkommunikation hinsichtlich der Konjunktivbildung
spielt, müssen die verschiedenen Konjunktiv-II-Varianten in den bairischen
Dialekten daher in aller Kürze338 vorgestellt werden (vgl. Glantschnig 2011: 232;
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337 Wohl aber können Modal- und Hilfsverben sowie Verba sentiendi in tun-Periphrasen,
deren Infinitiv im Vorfeld realisiert ist, vorkommen (vgl. z.B. Wollen tu ich’s schon, aber dürfen
tu ich‘s nicht.)
338 Zu einer umfassenderen Beschreibung der bairischen Konjunktiv-II-Formen in Gegen-
überstellung zu jenen der Standardvarietät und einer weiterführenden Diskussion zur Position
des Konjunktivs im Deutschen zwischen Synthese und Analyse sei u.a. auf Bittner/Köpcke
(2010) verwiesen.
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Title
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Subtitle
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Author
- Melanie Lenzhofer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Size
- 14.8 x 22.0 cm
- Pages
- 502
- Category
- Geographie, Land und Leute