Page - 328 - in Jugendkommunikation und Dialekt - Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
Image of the Page - 328 -
Text of the Page - 328 -
328 | Empirische Analysen
Die potenzielle Distanzsprachlichkeit der relativen Bevorzugung der grammatisch fun-
dierten zentripetalen Stellung V2-V1 ist dabei am besten dadurch zu erklären, dass diese
Stellung die Performanzanforderungen im Vergleich zur V1-V2-Stellung erhöht; höhere
AnsprĂĽche an die Rezeptionsleistungen sind im Allgemeinen Signale der Distanzsprach-
lichkeit. Die spätere Entwicklung im 16. Jahrhundert kann als Zurückdrängen pragmati-
scher Einflussfaktoren zugunsten einer stärkeren Geltung des rein grammatischen Prin-
zips der V2-V1-Stellung interpretiert werden; dies steht im Einklang mit dem sonstigen
Vordringen integrativer Strukturen wie Einklammerung.
Demnach etablierte sich aus dieser Interpretation als Merkmal von Distanzspra-
che im Frühneuhochdeutschen die II-I-Abfolge zusehends „als Normalstellung,
der gegenüber die pragmatischen und performanzbedingten Bedürfnisse stärker
zurückzutreten hatten“ (Lötscher 2010: 627). Auch Bittner (2010) leitet aus der
tendenziellen Zunahme der Endstellung des finiten Verbs in mehrgliedrigen
Verbalkomplexen im Nebensatz eine „Tendenz zur Grammatikalisierung der
Verbstellung […] in den abhängigen Sätzen“ (Bittner 2010: 237) ab. Bezüglich
der inneren Abfolge der Verbalteile scheint sich auch in informeller, mĂĽndlicher
Kommunikation entgegen den oben angesprochenen informationsstrukturellen
und performanz-bedingten Maximen die Letztstellung des finiten Verbs auch
fĂĽr nicht-rhema-tische Verbteile zu etablieren. Darauf weist auch die zuneh-
mende Stabilisierung in Richtung Nachstellung in den Osttiroler Daten (v.a. in
jenen der jugendlichen Proband/-innen) hin.
4.3.3.4 Fazit
Die Serialisierung im Verbalkomplex in den Äußerungen der Osttiroler Freizeit-
kommunikation wurde v.a. im Vergleich mit den Ergebnissen von Patockas
detaillierter Untersuchung „Satzgliedstellung in den bairischen Dialekten Öster-
reichs“ (1997) beleuchtet, da der Autor auf den Süden Österreichs, teilweise
auch auf Osttirol eingeht. Es zeigte sich in den Osttiroler Teilkorpora JD und ED
in der Untersuchung der Verbzweitsätze eine starke Variabilität v.a. bei mehr-
gliedrigen Verbalkomplexen mit Beteiligung von Modalverbinfinitiven (z.B. er
hat arbeiten müssen (II-I) – er hat müssen arbeiten (I-II)). Patocka vermutet für
das SĂĽdbairische eine Stabilisierung der Stellungsalternation in Richtung I-II-
Abfolge. Dies lässt sich anhand der Osttiroler Freundesgespräche nicht vollends
bestätigen, wenn auch deutlich mehr Belege mit Voranstellung als mit Nach-
stellung des Modalverbinfinitivs zu finden sind. Denn mit Blick auf den Faktor
der Altersgruppen zeigte sich ein statistisch signifikanter Unterschied zwischen
den jugendlichen und den erwachsenen Osttiroler/-innen. Während in Teilkor-
pus ED rund 71 Prozent der betreffenden Äußerungen mit Modalverbinfinitiv in
der Nonstandard-Abfolge (I-II) belegt sind, verhält sich die Frequenz der Äuße-
back to the
book Jugendkommunikation und Dialekt - Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol"
Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Title
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Subtitle
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Author
- Melanie Lenzhofer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Size
- 14.8 x 22.0 cm
- Pages
- 502
- Category
- Geographie, Land und Leute