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334 | Empirische Analysen
Dieser „Preposition drop“ wird in der bundesdeutschen Fachliteratur als syn-
taktische Besonderheit des Sprachgebrauchs Jugendlicher mit ethnolektalem
Hintergrund gesehen.415 Das Phänomen wurde bisher v.a. in Bezug auf urbane
Lebensräume beschrieben, zumal hier ja auch der Anteil an Jugendlichen mit
Migrationshintergrund besonders hoch ist. Beginnend mit Hermann Tertilts
ethnographischer Beschreibung der so genannten „Turkish Power Boys“ in
Frankfurt (1996) widmete sich Rosemarie Füglein (2000) der „Kanak Sprak“ in
München und Nürnberg, Peter Auer (2003) dem „Türkenslang“ Jugendlicher in
Hamburg, Friederike Kern und Margret Selting (2006a; 2006b) untersuchten
den Sprachgebrauch türkischdeutscher weiblicher Jugendlicher, Inken Keim
und Ralf Knöbl (2007) jenen türkischstämmiger „Ghetto-Jugendlicher“ in
Mannheim. Heike Wiese (2006; 2012) nimmt in den letzten Jahren verstärkt die
„Kanak Sprak“ bzw. das „Kiezdeutsch“ Jugendlicher aus Berlin in den Fokus
und Peter Auer (2013b) und Vanessa Siegel (2014) analysieren den Sprachge-
brauch Migrantenjugendlicher der zweiten Einwanderergeneration in Stutt-
gart.416 Mit Bezug auf Österreich ist bisher nur eine Studie erschienen: Branka
Ivušić (2011) analysiert den Präpositionalgebrauch in Multiethnolekten anhand
einer Gruppe von Jugendlichen aus Hallein (Bundesland Salzburg).
Das Nicht-Realisieren der Präposition in normgrammatisch zu erwartenden
Präpositionalphrasen wurde – v.a. in den in Deutschland erschienen Publikati-
onen – zunächst bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die in der zwei-
ten oder dritten Generation in Deutschland leben, als Mittel zur „Selbst-
Stilisierung“ als ethnische Gruppe (Auer 2003: 256) beschrieben. Die Verbrei-
tung dieses Markers der ethnolektalen Sprechweise über die Medien (etwa
durch Comedy-Shows wie z.B. jene von Erkan und Stefan oder Kaya Yanar, aber
auch durch Rap- und Popmusik, z.B. Bushido) ermöglichte in der Folge die
Rezeption des ursprünglich ethnisch markierten Phänomens durch jugendliche
||
415 Hier muss mit Wiese (2012: 5455) darauf hingewiesen werden, dass die Präposition in der
gesprochenen Sprache raum- und gruppenübergreifend in bestimmten Kontexten wegfallen
kann, v.a. in handlungsanweisenden Wegbeschreibungen der Art Da müssen Sie Ø Jakob-
Kaiser-Platz umsteigen. Das Nicht-Realisieren der Präposition geht in der ethnolektalen
Sprechweise jedoch über diesen Kontext hinaus und kann neben der Richtungs- auch die
Zeitkodierung betreffen. Beispiele dafür finden sich auch im Infoportal „kiezdeutsch. Ein
Infoportal zu Jugendsprache in urbanen Wohngebieten mit hohem Migrantenanteil“ des Lehr-
stuhls für Deutsche Sprache der Gegenwart der Universität Potsdam (betreut von Heike Wiese).
[Online-Version: http://www.kiezdeutsch.de/sprachlicheneuerungen.html#ortsundzeit (20.01.
2012)].
416 Zu einer ausführlicheren Rekapitulation des Forschungsstandes zur Beschäftigung mit
„Migranten-jugendlichen“ in Deutschland vgl. Siegel (2014: 71).
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Title
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Subtitle
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Author
- Melanie Lenzhofer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Size
- 14.8 x 22.0 cm
- Pages
- 502
- Category
- Geographie, Land und Leute