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390 | Empirische Analysen
der 2. Person beschränkt ist, folge aus einer „conspiracy of morphological and
syntactic factors that guided the reanalysis of subject clitics as markers of verbal
agreement in the history of Bavarian“ (Fuß 2004: 59). Die Grammatikalisierung
des Pronomens thu in früh-althochdeutscher Zeit zu einem Flexionsmorphem
am Verb (z.B. von nimis thu über nimis-tu zu nim-ist, 'nimmst (du)') wirkte dem-
nach als Disambiguierer im Bereich des Verbmodus, da die vorher bestehende
Endung der 2.Pers.Sg. -s (nimis) keine Unterscheidung zwischen Indikativ und
Konjunktiv markierte. Diese These des morphologischen Auslösers für den Pro-
nomen-Wegfall basiert auf der Grundannahme, „dass Nullsubjekte eine Nullrea-
lisierung regulärer schwacher Pronomen darstellen, die verfügbar werden kann,
wenn das Paradigma der overten schwachen Pronomen Lücken aufweist“
(Fuß/Wratil 2013: 163).
Das Zusammenspiel dieser morpho-syntaktischen Faktoren hat demnach
die Entstehung und Beibehaltung des Pronomen-Wegfalls begünstigt. Nach
Axel/Weiß (2011) ist der Pro-Drop im Deutschen über den weiteren diachronen
Verlauf bis zum Neuhochdeutschen stets nachweisbar, auch wenn das Nicht-
Realisieren des Personalpronomens in mittelhochdeutschen Texten eher spora-
disch belegt ist (vgl. Axel/Weiß 2011: 30). Dagegen sei das Phänomen „quite
frequent again in the Early Modern High German period” (Axel/Weiß 2011: 30),
was aber auch einfach darauf zurückzuführen sein könnte, dass hier mehr Texte
mit nähesprachlicher Konzeption überliefert sind (vgl. Axel/Weiß 2011: 30, FN
9). Laut Axel/Weiß wies die Distribution des Pronomen-Wegfalls in frühneu-
hochdeutscher Zeit ähnliche Charakteristika wie in den Dialekten des Gegen-
wartsdeutschen auf. Die Autoren kommen im Rahmen ihrer diachronen Analyse
zu dem Schluss, dass das Pro-drop-Phänomen vom Althochdeutschen bis zum
Neuhochdeutschen auf dialektaler Ebene kontinuierlich erhalten blieb, und nur
in der Standardvarietät abgebaut wurde (vgl. auch Axel/Weiß 2010: 24). Als
Erklärung für diesen Verlust der Nullsubjekte in der Standardvarietät wird meist
„die Verarmung der Flexionsparadigmen […] diskutiert, wodurch morphologi-
sche Transparenz nicht mehr gewährleistet werden konnte und Subjektprono-
mina obligatorisch wurden“ (Volodina 2011: 276). Das Problem des Synkretis-
mus im Flexionsparadigma des Neuhochdeutschen wurde also durch die
systematische Realisierung der Personalpronomen abgefedert.469
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469 Die komplexen Zusammenhänge des flexionsmorphologischen Wandels bis zum Neu-
hochdeutschen sind damit allerdings nur sehr verkürzt angesprochen – detailliertere Informa-
tionen und weiterführende Literaturhinweise zum Wandel in der Verbflexion finden sich z.B.
in Nübling (2008: 63).
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Jugendkommunikation und Dialekt
Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Title
- Jugendkommunikation und Dialekt
- Subtitle
- Syntax gesprochener Sprache bei Jugendlichen in Osttirol
- Author
- Melanie Lenzhofer
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-050330-2
- Size
- 14.8 x 22.0 cm
- Pages
- 502
- Category
- Geographie, Land und Leute