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Thürlemann Von der Wand ins Buch
Zu einer solchen diagrammati-
schen Gliederung, die vom Besu-
cher im Gehen, im Abschreiten der
Raumfolge, nachvollzogen wird,
kommt eine feinteiligere, zweite
hinzu, jene der Bilderwände, die
nun primär im Sehen erfahren
wird. Sehr bald, nachdem man zu
Beginn des 17. Jahrhunderts be-
gonnen hatte, Kunst zu sammeln
und damit die Wände zu schmü-
cken, etablierte sich eine besonde-
re Formel für die Präsentation der
Bilder, die sich nach etwa 1650 für
größere Sammlungen als fast all-
gemeingültige Norm in ganz Euro-
pa durchzusetzen begann: das
Pendantsystem, das bis weit ins 20.
Jahrhundert hinein für die Anordnung von Gemälden und Skulpturen nicht nur in den gro-
ßen Museen und Ausstellungsräumen, sondern auch in Privathäusern gültig sein sollte.
Das Pendantsystem, durch die ornamentale Anordnung der Objekte in den Kunstkam-
mern vorbereitet, kann auf die sakrale Triptychon-Form zurück bezogen werden (Abb. 5).
Im geöffneten Zustand zeigt das Triptychon ein Gefüge von drei koordinierten Bildern:
von zwei analog gestalteten Flügeln, die ein zentrales Bild von doppelter Fläche rahmen.
Während die singuläre Mitteltafel an den identifizierenden Blick appelliert, wie dieser tra-
ditionell ikonischen Darstellungen gegenüber eingenommen wird, appellieren die Flügel
zusätzlich an das vergleichende Sehen. Die Flügel laden den Betrachter aufgrund ihres
analogen Formats und meist auch einer vergleichbaren Gestaltung dazu ein, den Blick
zwischen ihnen hin- und her springen zu lassen, um Analogien und Differenzen auszuma-
chen. Genau dieses Zusammenspiel von zwei Formen des Sehens ist auch für das Pendant-
system zentral. Im Pendantsystem wird die Synthese von zwei Sichtweisen, die das Tripty-
chon charakterisiert, jedoch zu einer generellen Formel ausgebaut, mit deren Hilfe – auf
mehreren hierarchischen Ebenen gleichzeitig wirksam – eine grundsätzlich offene Anzahl
von Bildern organisiert wird (Abb. 6).
Der Begriff ‚Pendantsystem‘ (auch ‚Pendantordnung‘ oder ‚Pendanthängung‘) ist inso-
fern nicht glücklich, als die Wand nicht ausschließlich mit Pendants ausgestattet ist. Die
Mittelvertikale der Wand ist üblicherweise durch ein Werk besetzt, das kein Pendant besitzt
und dadurch in seiner Einzigartigkeit gegenüber allen anderen zusätzlich hervorgehoben
wird. Alle übrigen Bilder hingegen kommen zu zweit und appellieren damit an den ver-
gleichenden Blick. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um so genannte echte Pendants
handelt, also um Werke, die bereits vom Künstler als Paare konzipiert worden sind, oder
ob erst der Konservator zwei unabhängig voneinander entstandene Gemälde zu einem
Pendantpaar zusammengestellt hat.
Von besonderem Interesse ist die Pendantordnung deshalb, weil sie gleichzeitig auf
mehreren hierarchischen Ebenen eingesetzt werden kann. Zu welch komplexen Bildge-
fügen das Pendantsystem führen kann, zeigt eine von Edward Francis Burney in einem
Aquarell dokumentierte Wand in der Ausstellung der Londoner Royal Academy of Arts
von 1784 (Abb. 7).9 Vier Gemälde sind auf der Mittelachse der Wand angebracht und
haben kein Pendant. Alle übrigen Gemälde – insgesamt 44 – kommen paarweise und
sind um die Mittelachse symmetrisch angeordnet. Ein näherer Blick auf eine der
Abb. 6
Kaiserliche Sammlung im Oberen Belvedere,
Wien. Wandabschnitt in der Hängung von
Christian von Mechel, 1781/83
(Rekonstruktion: Nora Fischer)
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
- Subtitle
- Europäische Museumskultur um 1800
- Volume
- 2
- Author
- Gudrun Swoboda
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79534-6
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 264
- Category
- Kunst und Kultur