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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums - Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
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521 Thürlemann Von der Wand ins Buch Eine Bilderwand als hyperimage Das Pendantsystem hatte – wie bereits erwähnt – ein überraschend langes Leben von mehr als 300 Jahren und prägte das Sammelwesen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. Auch als Léon Dufourny im Jahre 1801 in der Grande Galerie des Louvre die in der Lom- bardei und in Bologna aus adligem und kirchlichem Besitz konfiszierten Kunstwerke prä- sentierte, tat er dies nach dem Pendantsystem.14 Die englisch-italienische Künstlerin Ma- ria Cosway war von den gezeigten Schätzen und von Dufournys Bilderordnung so begeis- tert, dass sie aus eigener Initiative ein Stichwerk in Angriff nahm, in dem alle Wände maßstabgetreu reproduziert werden sollten.15 Der hier wiedergegebene kolorierte Kupferstich (Abb. 8) zeigt ein Bilder-Arrangement von einem solchen gestalterischen und konzeptuellen Raffinement, dass dieses selbst wieder den Rang eines eigenständigen Kunstwerkes hat und so als hyperimage, d. h. als ein vom Kurator Dufourny geschaffenes Bild aus Bildern, auf seine Bedeutung hin untersucht wer- den kann.16 Ein Ensemble von 2 x 10 kleinformatigen Porträts und Andachtsbildern bildet dabei (in der Art einer Predella) eine unabhängige Basis, bei der die Mittelvertikale unbe- setzt bleibt. Umso stärker wirkt deshalb das im Jahre 1616 vollendete, sieben Meter hohe Altargemälde von Guido Reni aus der Bologneser Kirche dei Mendicanti, das darüber die Mitte der Wand besetzt. In Renis Altargemälde sind im Zentrum, unterhalb des fingierten Bildtuches mit der Beweinung Christi, die vier Bologneser Stadtheiligen um den hl. Karl Borromäus angeordnet, genauso wie unterhalb von ihnen zwei mal zwei Putti als Träger der Attribute das Stadtmodell von Bologna rahmen. Die Anordnung der fünf Heiligen in einer Quincunx wird von Dufourny in seiner Hängung dadurch wieder aufgenommen, dass er vier weitere Altargemälde im Rechteckformat paarweise um das zentrale Riesenwerk arrangiert. Dabei fällt auf, dass mit Ausnahme von Tizians Dornenkrönung unten rechts in allen laterali jeweils ein Engel eine wichtige Rolle spielt. Doch auch bei Tizian liegt eine Anbindung an das zentrale Gemälde vor: Der Scher- ge rechts mit dem erhobenen Rohrstock wirkt inhaltlich wie eine invertierte Gegenfigur zu Renis Putto mit dem Palmwedel. Entscheidend aber ist die diagrammatische Logik der Anordnung. Sie sollte den Betrachter dazu einladen, Werke von vier Schulen der italienischen Malerei im Vergleich voneinander abzuheben, um so ihre stilistischen Besonderheiten leichter fassbar zu machen: Fettis Schutzengelbild links oben vertritt die römische, Guercinos Engelskonzert rechts oben die traditionelle Bologneser Schule, Raphaels Michaelskampf links unten steht für die toskani- sche, Tizians Dornenkrönung rechts unten für die venezianische Schule. Die beiden Ge- mälde links repräsentieren zusammen die Kunst des disegno, die beiden rechts jene des co- lore. Gegenüber den rahmenden Pendants, die vier unterschiedliche lokale Stile repräsen- tieren, erscheint Renis Altargemälde im Zentrum als summierende Stilsynthese, welche die partikularen, künstlerisch einseitigen Positionen zusammenführt und triumphierend über- windet. Dufournys Hängung illustriert die These von der besonderen historischen Rolle der Bologneser Schule und deren Eklektizismus, wie sie die Kunstliteratur seit Giovanni Belloris Vite von 1672 mit Bezug auf deren wichtigsten Repräsentanten regelmäßig vertritt. Soweit zur Epoche des klassischen Museums, das sich durch die Pendanthängung als ein Ordnungssystem mit ungewöhnlichen Bedeutungspotentialitäten erweist. Es stellt sich nun die Frage: Was passiert, wenn die Bilder in der Form von photographischen Reproduk- tionen ins Buch wandern? Die Bilder wandern in das Buch Im Folgenden soll auf die frühen Stichwerke, wie sie in diesem Band ausführlich behandelt werden, nicht eingegangen werden. In einigen von ihnen werden nicht nur die Hauptwer- ke der entsprechenden Sammlung reproduziert, es wird auch versucht, den Bilderbestand
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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Subtitle
Europäische Museumskultur um 1800
Volume
2
Author
Gudrun Swoboda
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2013
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79534-6
Size
24.0 x 28.0 cm
Pages
264
Category
Kunst und Kultur
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