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Im Folgenden sei ein Modell von Sammlungspräsentation oder Hängung etwas genauer
betrachtet, das in den letzten Jahren eine große Karriere erlebt hat und das vermutlich in
nächster Zeit noch beliebter werden wird – und das allein deshalb eine Analyse verdient
hat. Gemeint ist das Prinzip einer diachronen Anordnung von Exponaten, also die Idee,
Werke verschiedener Epochen bewusst und aus dem Interesse an Kontrast nebeneinander
zu platzieren.
Als im Jahr 2001 mit Thomas Huber und Bogomir Ecker zwei Künstler die Bestände des
Städtischen Kunstmuseums in Düsseldorf unabhängig von einer chronologischen oder gat-
tungsbezogenen Ordnung arrangierten, sorgte das für einige Unruhe. Es war einer der ers-
ten Fälle eines assoziativen Hängekonzepts. So gelangten etwa unter der Rubrik ‚Melancho-
lie‘ Gemälde von Giorgio De Chirico und Georg Scholz neben ein Bild von Francisco de Zur-
baran. In einem anderen Raum stand die Installation Joker-Poker (1981) von Thomas Schütte,
umgeben von Architekturgemälden des 18. Jahrhunderts. Jean-Hubert Martin, damaliger
Direktor der zum Künstlermuseum umbenannten Institution, begründete dieses Experiment
damit, dass eine „rein kognitiv argumentierende“, nämlich eine historisch denkende Kunst-
geschichte „durch eine neue Form visueller Argumentation ersetzt oder ergänzt werden“
müsse, „durch ein Denken in Bildern und Bildkombinationen“. Er erklärte den Kurator – in
diesem Fall die beiden Künstler – zu einem Dirigenten oder Regisseur, dessen Aufgabe darin
bestehe, „durch seine Präsentation die ‚klassischen Werke‘ neu [zu] interpretieren“.1
Mittlerweile haben auch etliche andere Museen zumindest temporär die vertraute An-
ordnung nach Stilen und Schulen aufgehoben, um ihre Bestände mit Werken heutiger
Künstler zu mischen. So bekam Jan Vanriet 2010 insofern eine ungewöhnliche Retrospek-
tive, als er im Königlichen Museum der Schönen Künste in Antwerpen 175 seiner Werke
mit rund 150 Exponaten aus der ständigen Sammlung mischen und nach eigenem Gut-
dünken anordnen durfte. Seine Bilder hingen also zwischen Werken von Hans Baldung
Grien, Jean Fouquet, Peter Paul Rubens und James Ensor.
Und während bis vor kurzem nur Kunstsammler an die Öffentlichkeit traten, die sich
entweder für alte oder ausschließlich für moderne Kunst engagieren, tauchen neuerdings
ebenso Sammler auf, die Werke verschiedener Epochen besitzen. So eröffnete 2010 in Ber-
lin Thomas Olbricht seine Räume, in denen Werke aus der Zeit zwischen dem 16. Jahrhun-
dert und der Gegenwart gezeigt werden. Auf der Website zur Sammlung heißt es: „Histo-
rische Rückblicke auf Zeitlos-Existentielles werden mit Sichtweisen auf Aktuelles und Zeit-
genössisches kombiniert. Dabei werden Überraschungen und Widersprüche bewusst in
Kauf genommen, die Arbeiten sollen irritieren und zu einem neuen Blick auf die Welt ver-
helfen.“2 Zwischen zeitgenössische Arbeiten wird also etwa das Bewegungsmodell eines
Pferds mit Reiterin aus der Zeit um 1870 platziert.
Wolfgang Ullrich
Zwischen Erlebnis
und Erkenntnis
GEDANKEN ZU ALTERNATIVEN FORMEN
DER SAMMLUNGSPRÄSENTATION
Abb. 1
Anton Henning,
Pin-up No. 124,
Öl auf Leinwand,
100 cm x 79,7 cm, 2008,
und Pin-up No. 141,
Öl auf Leinwand,
121,5 cm x 90 cm, 2009.
„Anton Henning – MASTER-
dote AntiSINGER, Haunch of
Venison“, London 2010
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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
- Subtitle
- Europäische Museumskultur um 1800
- Volume
- 2
- Author
- Gudrun Swoboda
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79534-6
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 264
- Category
- Kunst und Kultur