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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums - Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
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531 Ullrich Sammlungspräsentation Wilhelm von Humboldt, der sich schon im Vorfeld der Galerieeröffnung, in einer Denk- schrift von 1829, zweifelnd darüber äußerte, ob es „zu billigen ist“, dass die „ganze Aufstel- lung […] hauptsächlich auf die Vergleichung berechnet“ werde.10 Vielmehr müsse „die Rücksicht auf den Genuß des einzelnen Bildes […] die vorwaltende bleiben“. So verlangte er „eine gewisse Ruhe“ für den Rezipienten: „Es muß daher dem Bilde nichts Störendes, noch auf irgendeine Weise die Aufmerksamkeit Abziehendes zur Seite hängen.“ Damit zeigte sich von Humboldt als früher Protagonist des ‚white cube‘ sowie als Ver- treter der Idee autonomer Kunst. Der zufolge liegen Sinn und Bedeutung eines Werks al- lein in diesem selbst, sollen also nicht von äußeren Faktoren – wie anderen Werken – be- einflusst sein. Dennoch akzeptierte von Humboldt, dass es nicht das Ziel eines Museums sein kann, alles isoliert voneinander zu präsentieren. So duldete er Nachbarschaften, so- fern sie auf „Gleichartiges“ aufmerksam machen konnten, sofern also der Eindruck, den ein Werk machte, durch weitere Werke unmittelbar bestätigt wurde. Ein Ensemble von zwei oder mehreren Werken, die nicht von vornherein zusammenpassen, lehnte er hinge- gen als „um so störender [ab], je mehr es selbst auf Vortreflichkeit Anspruch machen kann“. Ihm war es also gerade unangenehm, wenn ein Sammler oder Kurator sich durch eine überraschende Hängung in Szene setzte, ja als Bedeutungsstifter und damit als Kon- kurrent zum Künstler betätigte. Doch wird eine Position wie die von Humboldts in nächster Zeit wohl eher in den Hin- tergrund treten. Vermutlich werden in den nächsten Jahren vor allem noch mehr private Sammler als bisher mit verschiedenen Formen des Crossover und der Überraschung expe- rimentieren. Bei ihnen ist nicht nur mit starker Profilierungslust zu rechnen, sondern sie ha- ben auch ein Interesse daran, dass ihre Sammelstücke an ‚eigentümlichem Wert‘ und ihre Sammlungen an Aufmerksamkeit gewinnen, ja sie wollen ihrerseits jenes ‚Vibrieren‘ erle- ben. Und wenn erst einmal allgemeiner bewusst geworden ist, wie sehr man einem Werk allein durch geschickte Assoziationen mit anderen Werken neue und zusätzliche Bedeu- tung – und damit einen Mehrwert – verschaffen kann, dürften die unterschiedlichsten Spielarten von Arrangements – darunter gewiss auch viele bemüht wirkende Gags – aus- probiert werden. Da die hohen Preise, zu denen gerade zeitgenössische Werke oft gekauft wurden, zu- dem als Postulate von Bedeutung wirken, besteht erst recht Druck, sie so zu arrangieren, dass sie möglichst stark zur Geltung kommen. Der Raum für Bedeutung, den der Preis er- öffnet, muss nämlich jeweils erst gefüllt werden. Gerade teure Werke bedürfen daher nicht zuletzt anderer Werke in ihrem Umfeld, um hinreichend aufgeladen zu sein und ihren Kaufpreis rechtfertigen zu können. Zudem kann so der aus der Romantik stammende To- pos fortbestehen, wonach ein Kunstwerk ‚unerschöpflich‘ sei. So unglaubwürdig es vielen geworden sein mag, diese Eigenschaft einem isoliert präsentierten Werk zu attestieren, so nachvollziehbar finden sie die Unterstellung, wenn sie mit Blick auf wechselnde Korre- spondenzen formuliert wird: Dasselbe Werk zeige sich jedes Mal anders, verfüge also über unendlich viele mögliche Bedeutungen. So sehr die hohen Preise für Kunst dazu anspornen mögen, ungewohnte Präsenta- tionsformen zu entwickeln, so sehr kann andererseits aber auch der Mangel an Geld im öf- fentlichen Kulturbetrieb dazu veranlassen. Wenn Museen sich teure Wander- und Wechsel- ausstellungen seltener als bisher leisten können, aber dennoch auf höhere Besucherzahlen setzen (müssen), als sie allein mit ihrer Dauerausstellung erzielen, bleibt ihnen kaum ande- res, als ihre Bestände immer wieder neu zu arrangieren. Aus der finanziellen Not soll dann eine kuratorische Tugend werden. So kombinierte man 2010 in der besonders geldknap- pen Hamburger Kunsthalle unter dem Titel All art has been contemporary ein halbes Jahr lang eigene Werke aus mehreren Jahrhunderten und versprach dem Publikum „unge- wohnte Nachbarschaften“ sowie „neue vergleichende Seherlebnisse“.
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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Subtitle
Europäische Museumskultur um 1800
Volume
2
Author
Gudrun Swoboda
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2013
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79534-6
Size
24.0 x 28.0 cm
Pages
264
Category
Kunst und Kultur
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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums