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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums - Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
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532 Ullrich Sammlungspräsentation Gerade die Hamburger Ausstellung zeigte jedoch auch, wie schwer es ist, überzeugende Ensembles zu schaffen. Als Caspar David Friedrichs Eismeer zusammen mit einem der Stein- kreise von Richard Long in einem achteckigen Raum präsentiert wurde, weckte dies näm- lich den Eindruck einer einzigen Installation. Es wurde eher ein neues – sakral anmutendes – Werk geschaffen als bestehenden Werken die Chance gegeben, sich von einer bisher un- entdeckten Seite zu zeigen. Auch Huber und Ecker war in Düsseldorf vorgeworfen worden, sich weniger als Kuratoren denn als Installationskünstler zu engagieren, als sie etwa eine Ro- din-Skulptur und eine Videoarbeit von Klaus vom Bruch direkt miteinander verbanden. In gelungeneren Fällen hingegen wird ein Werk von einem anderen gleichsam über- blendet und erscheint dadurch in doppeltem – und insofern subtilerem, ungewöhnlichem – Licht. So geschah es etwa, als Anton Henning bei einer Galerieausstellung in London 2010 eines seiner Gemälde – mit dem Titel Pin-Up No. 124 – neben Tizians Porträt eines Mädchens mit Pelz positionierte (Abb.). Natürlich stand ihm dafür nicht das Original aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien zur Verfügung, vielmehr verwendete er eine ge- treue Kopie aus dem 19. Jahrhundert. Sie versah er mit einem neuen Titel – Pin-Up No. 141 – und suggerierte damit, beide Bilder seien Teil derselben größeren Serie. Sein eigenes Bild wird erst durch den Titel sowie die Platzierung neben der barbusigen Dame Tizians in sei- ner sexuellen Konnotation erkennbar. Indem es Scham und Bauchnabel einer Frau zeigt, ist es sogar viel expliziter als das alte Gemälde. Durch den hohen Grad an Abstraktion je- doch bekommt es gerade keinen pornographischen Charakter. Neben Tizians Dame, die ihren Körper weitgehend mit einem Pelz verhüllt hat, erscheint die Abstraktion als alterna- tive Form der Verbergung. Und während die Feinheit und Eleganz des Gesichtsausdrucks der Tizianschen Dame sich auf Hennings Bild überträgt und etwa einen Kringel im linken oberen Eck auf einmal wie eine ‚line of beauty and grace‘ erscheinen lässt, vergegenwär- tigt und pointiert Hennings Bild umgekehrt die erotische Dimension des Tizianwerks, ja lässt etwa die Phantasie wach werden, wie die Dame wohl unterhalb ihres Pelzes aussieht. Anton Henning selbst bezeichnet die Konstellation als „Tristanakkord“, der „sehnsüch- tig […] nach Auflösung“ macht, die „ich aber nicht liefere, nicht liefern kann und nicht lie- fern wollen würde. Ich will doch nicht satt machen, sondern den Appetit erst richtig anre- gen.“11 So geht es dem Künstler darum, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass sich ein offener, unabschließbarer Austausch zwischen den beiden Werken und ihren Bedeutun- gen ergeben kann. Dabei wird das eine Werk in seiner Rezeption jeweils durch das andere gesteuert; bestimmte Aspekte davon werden hervorgehoben, andere werden irrelevant. Damit aber passiert bei einer solchen Gegenüberstellung der Sache nach nichts anderes als im Fall eines sprachlichen Vergleichs oder einer Metapher. Auch hier wird das Objekt, dem der Vergleich oder die Metapher gilt, vom anderen überblendet. Wenn also etwa das lyrische Ich in Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht Am Turme von einem Balkon aus auf einen Strand blickt, wo „so frisch / wie spielende Doggen, die Wellen / sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch“, dann werden das Wasser und die Hunde ineinander geblendet. Beides wird durch das Bild des anderen anders gesehen, wird um eine Dimension berei- chert und zugleich von alternativen Assoziationen freigehalten. Beide Objekte von Ver- gleich oder Metapher verändern sich somit in ihrer Bedeutung; sie werden verfremdet, überhöht, neu interpretierbar. Entscheidend für die Qualität eines Vergleichs oder einer Metapher ist einerseits ein Mo- ment der Überraschung, andererseits ein Moment der Evidenz – oder eben Erlebnis und Er- kenntnis, ‚delectare‘ und ‚prodesse‘. Das In-Beziehung-Setzen von zwei oder auch mehreren Objekten soll also idealerweise zweierlei in sich einschließen: unerwartet zu sein und den Ein- druck zu vermitteln, einen bisher nicht beachteten Weg – etwas Neues – plausibel eröffnen zu können. Schon in der antiken Philosophie hatte man besonders diejenigen bewundert, denen es gelang, zwischen vermeintlich weit Entferntem – also überraschend – einen überzeugen-
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Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Title
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Subtitle
Europäische Museumskultur um 1800
Volume
2
Author
Gudrun Swoboda
Publisher
Böhlau Verlag
Location
Wien
Date
2013
Language
German
License
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-79534-6
Size
24.0 x 28.0 cm
Pages
264
Category
Kunst und Kultur
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