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533 Ullrich Sammlungspräsentation
den Bezug – also Erkenntnis – herzustellen. Für Aristoteles war Metaphernbildung „ein Zei-
chen von Begabung“, also etwas, das man nicht lernen kann, wobei ein „richtig denkender
Mensch […] das Ähnliche auch in weit auseinander liegenden Dingen zu erkennen“ vermag.12
Die in den 1950er Jahren entwickelte Metapherntheorie des analytischen Philosophen
Max Black widmet sich eigens der Frage, was genau im Austausch zwischen zwei mitein-
ander verglichenen Objekten passiert. Er selbst bezeichnet sein Modell als Interaktions-
theorie, stellt die wechselseitigen Einflüsse auf beide an einer Metapher beteiligten Gegen-
stände also in das Zentrum seiner Überlegungen.
Zuerst einmal kommt eine Metapher dadurch zustande, dass auf ein Objekt Implika-
tionen bezogen werden, die von einem anderen Objekt stammen. Wer den Menschen als
Wolf bezeichnet (dies ist Blacks Beispiel), betrachtet ihn im Licht der Eigenschaften, die all-
gemein als typisch für einen Wolf angesehen werden; wer ihn hingegen mit einer Ameise
oder einem Fuchs vergleicht, wird jeweils andere Aspekte des Menschen in den Blick neh-
men. Eine Metapher fungiert für Black somit als „Filter“, sie „selegiert, betont, unterdrückt
und organisiert charakteristische Züge“ des Objekts, über das eine Aussage getroffen wer-
den soll. Zugleich aber bringt das Metaphorisieren „Bedeutungsverschiebungen bei Wör-
tern mit sich, die zur selben Familie […] wie der metaphorische Ausdruck gehören“.13
Dient der Wolf dazu, mit dem Menschen verglichen zu werden, wirkt sich das also auf die
Bedeutung von ‚Wolf‘ oder auch von verwandten Begriffen wie ‚Raubtier‘ oder ‚Rudeltier‘
aus – und zwar anders, als wenn der Wolf als Metapher für ein Ungeheuer oder aber inner-
halb von Beschreibungen von Hunger oder Einsamkeit verwendet würde.
Überträgt man Blacks Interaktionstheorie auf Bilder und Kunstwerke, verwendet man
sie ihrerseits metaphorisch. Zwar mögen die Verhältnisse in der Sprache und bei Bildern
ähnlich sein, doch sollten auch die Unterschiede nicht übersehen werden. Wenn zwei Ge-
mälde nebeneinander gehängt werden, ist ihr Verhältnis offener als das ‚ist‘, das in einem
Satz wie „Der Mensch ist ein Wolf“ zweierlei miteinander verbindet. Geht es hier um eine
Gleichung, so bei Werken höchstens um ein Vergleichen; es wird dabei nichts behauptet,
sondern etwas gezeigt. Damit aber können Unterschiede genauso präsent werden wie Ge-
meinsamkeiten, und es liegt am Rezipienten, was er aus dem Gezeigten macht: ob er
mehr auf das Gemeinsame oder eher auf Differenzen achtet und wie er die Beziehung zwi-
schen beidem überhaupt interpretiert. Eine Konstellation von Bildern formatiert die Wahr-
nehmung somit weniger deutlich als ein Aussagesatz. Und sofern man es in Ausstellungen
oft nicht nur mit zwei Werken, sondern mit komplexeren Anordnungen zu tun hat, stei-
gert sich zugleich die Anzahl der Freiheitsgrade, mögliche Bezüge zwischen den einzelnen
Werken zu interpretieren.
Je offener die Situation ist, desto mehr Formen von Interaktion sind zwar denkbar, des-
to weniger konzentriert werden diese jedoch sein, womit die Wahrscheinlichkeit sinkt,
dass sich die Bedeutung einzelner Werke dadurch ändert. Im Fall einer klaren Zweierkon-
stellation jedoch ereignet sich eine Interaktion häufig ähnlich wie bei einer Metapher (so
wie im Fall von Anton Henning, der schon durch die Anähnlichung der Titel der beiden
Gemälde vorgibt, sie auf Ähnlichkeiten hin wahrzunehmen). Dann verwandeln sich beide
Werke. Darauf haben auch Felix Thürlemann und David Ganz hingewiesen, als sie im Vor-
wort des von ihnen edierten Bandes Das Bild im Plural festhielten, „dass die Verbindung
mehrerer Bilder genuine Sinnpotentiale besitzt, die nicht deckungsgleich sind mit denen,
über die das Bild im Singular verfügt“.14
Das legt nahe, dass es durch eine Konstellation von Werken – durch die Konstruktion
eines ‚hyperimage‘, um einen zentralen Begriff Thürlemanns aufzugreifen15 – nicht nur zu
einer Veränderung der Bedeutung jedes einzelnen kommt, sondern dass sie auch an Be-
deutung – eben an Sinnpotentialen – zugewinnen können. Sofern eine Konstellation als
überzeugend empfunden wird, wird man die daraus resultierende Einsicht oder Erkennt-
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
- Subtitle
- Europäische Museumskultur um 1800
- Volume
- 2
- Author
- Gudrun Swoboda
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79534-6
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 264
- Category
- Kunst und Kultur