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Ullrich Sammlungspräsentation
nis nicht mehr vergessen können. Die beteiligten Werke haben sich dann – zumindest für
alle, die angesichts derselben Konstellation dieselbe Einsicht hatten – dauerhaft in ihrer Be-
deutung angereichert. Und wenn das eine oder andere Werk zu einem späteren Zeitpunkt
in einer neuen Konstellation wieder in einen interessanten Bezug zu anderem gebracht
wird, kann die daraus folgende Erkenntnis ebenfalls sinnstiftend wirken und so zu einer
weiteren Bedeutungsaufladung führen.
Doch das gilt nur, wenn eine Konstellation im Sinne einer guten Metapher gelingt,
wenn also die Momente ‚Überraschung‘ und ‚Erkenntnis‘ gleichermaßen gegeben sind.
Damit wäre der Beruf eines Kurators genauso wie der eines Dichters oder Theoretikers, so-
fern man Aristoteles nicht widersprechen wollte, eine Sache der Begabung. Wo sie fehlt,
kommt es nur zu Anordnungen, die entweder langweilig – da ohne Überraschung – oder
aber gewollt – da nur überraschend, doch ohne Erkenntnis – wirken. Ersteres droht bei
konventionellen, etwa nur dem Prinzip der Chronologie oder Schulzugehörigkeit folgen-
den Hängungen. Hier wird durch die Konstellationen keine neue Erkenntnis vermittelt,
sondern höchstens bestätigt, was ohnehin bereits kunsthistorisches Standardwissen ist, ja
man bekommt dann nochmal gezeigt, inwiefern Van Dyck ein Schüler von Rubens ist oder
wie verschiedene Niederländer des 17. Jahrhunderts den Bildtypus des Vanitas-Stilllebens
interpretiert haben. Die Abfolge der Werke ist dann vergleichbar einem Text, in dem nur
tote Metaphern auftauchen.
Gewollt hingegen erschien es etwa, als in der Berliner Gemäldegalerie im Jahr 2009
zwei Werke von Giotto einem Werk Rothkos gegenübergestellt wurden. Hierbei sollten die
Betrachter die an sich sehr unterschiedlichen Werke vor allem hinsichtlich ihrer Farbwir-
kung wahrnehmen. Dass beide Künstler mit ähnlichen Rottönen gearbeitet haben, wurde
auch durch die Bildregie im Katalog betont. Eine solche Gegenüberstellung mochte zwar
überraschend sein, ihr Erkenntniswert hingegen dürfte eher gering ausfallen. Im Sinne von
Max Black gesprochen: Es gibt nicht genügend oder keine als zentral empfundenen Impli-
kationen, die vom einen Objekt auf das andere übertragen werden können. Im schlimms-
ten Fall gelingt sogar gar keine Übertragung, die zu einer Neudeutung – zu einem Erschei-
nen in anderem Licht – führen könnte. Die Konstellation ist dann so sinnlos wie der Satz
„Der Mensch ist ein Schwarzton“.
Doch erkennt man an dem Berliner Beispiel, dass es vielleicht auch weniger um neue
Wege der Forschung – um Erkenntnis – ging als vielmehr darum, etwas zu schaffen, was
man als Win-Win-Situation bezeichnen könnte: Rothko sollte als so wertvoll wie ein Alter
Meister erscheinen, und die Giottos wollte man als eigentlich moderne Werke darstellen.
Man tauschte also einfach die Eigenschaften ‚alt‘ und ‚neu‘, ‚ehrwürdig‘ und ‚aktuell‘ zwi-
schen den Werken aus, auf dass jedes danach über doppelt so viele Qualitäten verfügen
möge als zuvor. Im Vorwort wurde das, etwas gespreizt, auch zugegeben, heißt es doch,
in der Ausstellung werde „beides exemplarisch thematisiert: Geschichtlichkeit ebenso wie
geistige Zeitgenossenschaft großer Kunst“. So „schrumpfen die mehr als sechs Jahrhun-
derte“ „im klugen Dialog der Maler“.16
Auch hier jedoch gilt das Interesse an einer Werk-Konstellation einem Effekt, der einer
häufig in Anspruch genommenen Funktion von Metaphern entspricht. So können diese als
Statussymbole eingesetzt werden, mit denen sich Aufwertungen vornehmen lassen. Indem
man eine Metapher aus einem Bereich nimmt, der als seriös, aktuell oder relevant gilt, will
man vor allem dieses Image übertragen. Statt nur darauf zu achten, ob die Ähnlichkeiten
triftig genug sind, um eine Metapher zu legitimieren, die zugleich eine Erkenntnis vermit-
telt, geht es dann darum, ein unterstelltes Defizit im Image einer Sache zu kompensieren.
Metaphern aus der Computertechnologie, der Neurowissenschaft, dem Sport oder der
Popkultur sind etwa sehr beliebt, um Phänomene aus weniger beachteten Bereichen – der
Hochkultur oder der Vergangenheit – mit einem aufregenderen Anstrich zu versehen. Wer
Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
Europäische Museumskultur um 1800, Volume 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Title
- Die kaiserliche Gemäldegalerie in Wien und die Anfänge des öffentlichen Kunstmuseums
- Subtitle
- Europäische Museumskultur um 1800
- Volume
- 2
- Author
- Gudrun Swoboda
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2013
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79534-6
- Size
- 24.0 x 28.0 cm
- Pages
- 264
- Category
- Kunst und Kultur