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Die Struktur des Gräberfeldes von Kleinhadersdorf 185
tierte Gräber hinzugefügt werden. Die Nachweise dieser
Phase beschränken sich nun auf nur zwei Grabgruppen:
sieben Gräber in der NW-Gruppe und acht in der zentralen
Gruppe. Dieser Abschnitt dauerte nach den Berechnungen
von P. Stadler (Kapitel 6.1 – Tabelle 37) von 5160–5125
BC,
also etwa 35 Jahre.
Vier Nachweise für die dritte Belegungsphase in der
LBK II b + c kommen weiter aus der NW-Gruppe (drei
Gräber und Funde aus der Grabfüllung eines älteren Grabes
– Verf. 81), für die zentrale Gruppe gibt es nur ein 14C-da-
tiertes Grab, ebenso für die N-Gruppe. Drei der vier Grab-
gruben der kleinen südlichen Gruppe (4) können dieser
Phase aufgrund einer Keramikdatierung und von zwei 14C-
Daten zugewiesen werden, wobei das 14C-Datum des Gra-
bes Verf. 29 auch eine Zuweisung zur letzten Phase erlauben
würde. Keramikfunde aus den verackerten, also zerstörten
Resten eines Grabes in der südlichsten Grabgruppe (5) da-
tieren diesen Befund ebenfalls in die 3. Belegungsphase des
Gräberfeldes. Nach Auswertung der 14C-Daten dürfte die-
ser Zeitabschnitt etwa 100 Jahre, und zwar von 5125 bis
5023
BC gedauert haben (siehe Kapitel 6.1 – Tabelle 37). Der
Nachweis von nur zehn Gräbern für eine derart lange Zeit-
spanne macht erneut deutlich, dass wohl einige der nicht
datierbaren Befunde hierher gehören müssen.
Die letzte Nutzungsphase des Gräberfeldes gehört be-
reits der Spätphase oder Phase III der mährischen LBK an.
Nur zwei Gräber der NW-Gruppe, Funde aus der Füllung
eines älteren Grabes in der N-Gruppe, drei Gräber im zen-
tralen Bereich, ein (oder zwei – siehe oben) Befund(e) der
kleinen Gruppe im S (4) sowie zwei weitere Befunde (ein
Leergrab und ein Frauengrab) aus der südlichsten Gruppe
(5) sind hier zu nennen. Die nach den 14C-Daten errechnete
Dauer dieses Zeitabschnittes von 48 Jahren zwischen 5023–
4975 BC (siehe Kapitel 6.1) spricht wieder dafür, dass die
neun datierten Gräber wohl kaum die vollständige Zahl der
Grablegungen darstellen.
Zusammenfassend lässt sich somit nur feststellen, dass
die Belegung des Areals des Gräberfeldes von Kleinhaders-
dorf höchstwahrscheinlich im Norden, in der NW- und N-
Gruppe sowie im Zentrum begann und erst nach etwa 60
Jahren also nach 2–3 Generationen auch nach Süden in den
Bereich der S-Gruppen (4, 5) erweitert wurde. Am unsi-
chersten bleibt dabei die tatsächliche Belegungsdauer für die
N-Gruppe, aus der es nur zwei sicher datierte Gräber und
den Hinweis auf die Nutzung des Areals in der Spätphase
durch die Funde aus einer Grabfüllung gibt. 7.3. Versuch der Rekonstruktion einzelner
Lebensgeschichten
Noch vor zwei Jahrzehnten, so auch während der Durch-
führung der Ausgrabungen in Kleinhadersdorf, schien es
unmöglich, persönliche Lebensgeschichten zu rekonstruie-
ren. Erst die Ergebnisse der Isotopenanalysen an den Kno-
chen erlauben erstmals, die persönliche Geschichte einiger
Individuen nachzuzeichnen. M. Zvelebil und P. Pettitt wa-
ren die ersten, die dies für 14 Personen aus dem Gräberfeld
von Vedrovice durchführten401 und zu unserem Versuch für
einige Personen aus Kleinhadersdorf anregten. Zum Unter-
schied von Vedrovice sowie den meisten Gräberfeldern, die
im Rahmen des Projektes „LBK lifeways project“ (siehe
Kapitel 6.4) untersucht wurden, zeichnen sich die Toten von
Kleinhadersdorf durch große Homogenität aus, einschließ-
lich nur geringer und statistisch insignifikanter Unterschie-
de in der Ernährung von Männern und Frauen. Die Analyse
der Strontium-Isotopen zeigt eine geringere Mobilität als in
den anderen im Rahmen des Projektes untersuchten Grä-
berfeldern. Umso interessanter sind nun diese wenigen Per-
sonen, deren Knochenanalysen sie als „fremd“ oder auffäl-
lig anders ernährt erweisen.
Junge Frau mit Neugeborenem aus Grab Verf. 5
Diese Frau war zwischen 18 und 25 Jahre alt, sie starb wahr-
scheinlich mit 21 Jahren, vielleicht bei der Geburt des klei-
nen Kindes, das man vor sie bettete. Beide legte man in lin-
ker Hocklage und mit der Ausrichtung nach SO in das
Grab, also in der hier am meisten geübten Weise. Die Stirn
und der Scheitelbereich des Kopfes der jungen Frau waren
mit Rötel bestreut, die einzige erhaltene Spur der Totenfür-
sorge. Allein die Hände waren ungewöhnlich weit oben vor
das Gesicht gelegt, wohl um für das Baby Raum zu lassen.
Unterhalb des Neugeborenen und hinter dem Rücken der
Toten weisen beachtlich große Leerflächen auf vermutliche
Beigaben aus vergänglichem Material (Tafel 15). Das Beson-
dere an dieser jungen Frau ist nun der ganz außergewöhnli-
che δ¹³ C-Wert von –18,9 ‰, der auf eine von den übrigen
Toten auffällig verschiedene, sehr fleischarme oder sogar
rein vegetarische Ernährung schließen lässt. Die Sr-Isoto-
penanalysen dieser Person ergaben kein Fremdsignal (siehe
Kapitel 6.4). Ihre ungewöhnliche Ernährung lässt sich also
nicht durch Zuwanderung erklären und so möchten wir die
Vermutung äußern, dass die junge Frau sich während ihrer
Schwangerschaften wie so manche Schwangere auch in un-
serer Zeit rein vegetarisch ernährte. Eine Schwangerschaft
allein verursacht nach Aussage der Kollegen des Projektes402
401. Zvelebil, Pettitt 2008, 209–213.
402. Freundliche persönliche Mitteilung Penny Bickle im Mai 2012.
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Title
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Authors
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 406
- Keywords
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen