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Barbara Tiefenböck, Maria
Teschler-Nicola386
genheit, analysierte, dass die frühen Ackerbauern noch bis
zur Mitte des 5. Jahrtausends aufgrund einer fleischreichen
und cerealienarmen Kost kaum kariöse Zerstörungen auf-
wiesen65, erst danach wird eine Frequenzzunahme erkenn-
bar, aus welcher sich ein Wandel in der Ernährungsweise
ableiten lässt. Dieser von Caselitz um ca. 4500
BC beobach-
tete Wechsel hin zu einer getreidelastigen, kariesfördernden
Kost könnte in unserer Region bereits Jahrhunderte früher
passiert sein.
4.2.2 Abrasion
Der Zahnabschliff wird zwar primär für die Bestimmung
des Sterbealters herangezogen66, es lassen sich aber auch aus
diesem Merkmal Hinweise auf die Ernährung einer Altbe-
völkerung ableiten. Dazu wurde eine Vielzahl von Arbeiten
publiziert67. Bei den Ackerbauernkulturen des Neolithi-
kums finden sich häufig eine stark ausgeprägte Abrasion
und ein anderer Winkel der Abrasionsfläche, was mit der
Konsumation und der Zubereitung von Getreide bzw. Ge-
treideprodukten in Verbindung gebracht wird. Diese Be-
funde sind konsistent mit den aus dem archäologischen Be-
fund abgeleiteten Erkenntnissen über die jungsteinzeitliche
Subsistenz. Neben dem Backenzahnbereich sind oft auch
die Frontzähne betroffen.
Bei der Bevölkerung von Kleinhadersdorf weisen die
Frauen im Allgemeinen einen höheren durchschnittlichen
Abrasionsgrad auf als die Männer, obwohl das durchschnitt-
liche Sterbealter der Frauen unter jenem der Männer liegt.
Dieses Ergebnis lässt auf einen geschlechtsspezifischen Un-
terschied in der Ernährung schließen und würde bedeuten,
dass die Frauen der Gruppe bevorzugt pflanzliche, stark
abrasive Nahrung zu sich genommen hatten, etwa Produkte
aus grob vermahlenem Getreide. Um diese aus der Morpho-
logie abgeleitete vorsichtige Schlussfolgerung zu überprü-
fen, sind 13C- und 15N-Isotopenuntersuchungen geplant.
Im Populationsvergleich zeigt sich, dass die durch-
schnittliche Abrasion der Kleinhadersdorfer-Serie etwa je-
nes Ausmaß erreicht hatte, das auch bei der frühneolithi-
schen Bevölkerung von Asparn/Schletz68 zu beobachten
war. Von den Autoren der Schletzer-Studie wurde das Er-
gebnis ebenfalls mit dem Konsum einer vorwiegend pflanz-
lichen Kost in Verbindung gebracht, wofür auch das Ergeb-
nis der Spurenelementanalyse (Strontium und Zink) spricht,
die ein Überwiegen pflanzlicher Nahrungsressourcen69 be-
65. Caselitz 1998.
66. Brothwell 1981. – Lovejoy 1985.
67. Molnar 1972. – Powell 1985. – Rose, Ungar 1998.
68. Teschler-Nicola et al. 1996.
69. Teschler-Nicola et al. 1996. stätigten konnte. Da der durchschnittliche Zahnabrieb bei
den Kleinhadersdorfer Individuen sogar etwas über jenem
der Schletzer liegt, erscheint die Annahme des Konsums ei-
nes ähnlichen Nahrungsspektrums wie einer ähnlichen
Nahrungszubereitung schlüssig. Ein interessanter, eher un-
erwarteter Befund betrifft das Phänomen der differentiellen
Abrasion entlang der Zahnreihe: In Kleinhadersdorf zeigen
nicht die Backenzähne, sondern die Frontzähne den höchs-
ten durchschnittlichen Abrieb. Dieses Zustandsbild wirft
Fragen nach einer möglichen mechanischen „Übernutzung“,
welcher Art auch immer, oder auch einer spezifischen, gene-
tisch verankerten Bissform auf. Das Zustandsbild einer
massiven Frontzahnabnutzung kennt man bislang vielfach
von paläolithischen Fossilien (z. B. des Neandertalers), wo
sie mit der Verrichtung bestimmter Tätigkeiten in Verbin-
dung gebracht wird (Frontzähne könnten als „dritte Hand“
zum Fixieren bestimmter Gegenstände genutzt worden
sein)70. Auf eine Nutzung in diesem Sinne deuten auch die
bei fünf Individuen der Kleinhadersdorfer Serie beobachte-
ten ungewöhnlichen, querverlaufenden Rillen an den
Okklusalflächen der Schneide- und Eckzähne des Ober-
und Unterkiefers hin (dazu siehe Einzelbefunde; Tafel III).
Molleson identifizierte im Verlaufe ihrer systematischen
anthropologischen Untersuchungen der neolithischen Ske-
lettreste von Tell Abu Hureyra71 sehr ähnliche Zustands-
bilder und vermutete, dass diese beim Flechten von Seilen
und Strängen, die dann für die Herstellung von Matten und
Körben verwendet wurden, entstanden sein könnten.
4.2.3 Zahnstein
Als Zahnstein bezeichnet man mineralisierte Ablagerungen
an den Zähnen. Er entsteht durch die Einlagerung von Mi-
neralien aus dem Speichel in den Zahnbelag (Plaque). Ver-
mehrte Zahnsteinbildung am Zahnhals kann zu Entzün-
dungen des Zahnfleisches führen. Häufig ist Zahnstein die
Ursache einer Parodontopathie72.
In der Kleinhadersdorfer Skelettpopulation weisen
25
% aller untersuchten Zähne eine Konkrementablagerung
auf, wobei Zähne des Unterkiefers häufiger als Zähne des
Oberkiefers betroffen sind. In die gegenständliche Analyse
wurden die Zähne des Dauergebisses Erwachsener sowie
zweier Jugendlicher einbezogen. Am häufigsten fanden sich
Ablagerungen an den mandibulären Canini, den ersten Prä-
molaren und den zweiten Incisivi. Normalerweise lagert
sich Zahnstein bevorzugt an jenen Zähnen ab, die im Be-
reich der Ausführungsgänge der Speicheldrüsen positio-
70. Molnar 1972. – Schultz 1988.
71. Molleson 1994.
72. Schultz 1988. – Herrmann et al. 1990.
Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Title
- Das linearbandkeramische Gräberfeld von Kleinhadersdorf
- Authors
- Christine Neugebauer-Maresch
- Eva Lenneis
- Location
- Wien
- Date
- 2015
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-7598-8
- Size
- 21.0 x 29.7 cm
- Pages
- 406
- Keywords
- Neolithic, LBK, cemetery, archaeology, prehistory, Kleinhadersdorf, Lower Austria, Neolithikum, Linearbandkeramik, Archäologie, Urgeschichte, Gräberfeld, Kleinhadersdorf, Niederösterreich
- Categories
- Geschichte Historische Aufzeichnungen