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YVES SINTOMER
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nur, weil die Berliner Gesetzgebung nur eine Alternative in einem ziemlich
kontrastreichen Panorama darstellt, in dem es Bundesländer mit einer säku-
laren Ausrichtung gibt, neben anderen, die für ein ›christlich-abendländi-
sches‹ Modell eintreten und solchen, die in dieser Frage (noch) keine beson-
deren Gesetze erlassen haben.
Dieser Beitrag will Parallelen und Unterschiede zu diesem Thema
zwischen Frankreich und Deutschland aufzeigen. Unter diesem Blickwinkel
werde ich zunächst den historischen Ablauf der Kontroverse in den beiden
Ländern nachzeichnen, der durch eine deutliche Phasenverschiebung in den
1990er Jahren und eine scheinbare Konvergenz nach 2003 gekennzeichnet ist.
Ich werde dann in einem ersten Teil untersuchen, wieso die rechtlichen und
institutionellen Mechanismen zur Steuerung des Konflikts und die Art und
Weise, wie die politischen Lager auf die Zerreißprobe reagiert haben, in
Frankreich und Deutschland nicht dieselben sind und bis zu welchem Punkt
der Austausch von Argumenten zwischen beiden Seiten des Rheins asymme-
trisch ist. In einem zweiten Schritt werde ich zeigen, dass Identitätsprobleme
auf beiden Seiten des Rheins nur zum Teil ähnlich sind und dass die
historischen, kulturellen und symbolischen Beziehungen zwischen den vom
Kopftuch betroffenen Bevölkerungsgruppen und den Gastländern ebenfalls
ziemlich unterschiedlich sind. Schließlich wird sich ein dritter Teil mit den
normativen Rahmenbedingungen befassen, die dem Problem seine Bedeutung
geben. Auch sie liegen weit auseinander, viel weiter jedenfalls als das obige
Zitat vermuten lässt. Ich hoffe, durch diesen umfassenden Vergleich die Be-
sonderheit des deutschen Wegs im Streit über das islamische Kopftuch besser
zu verstehen.
Die Dynamiken des Streits:
Parallelen und Unterschiede
Auch wenn die Geschichte der Konflikte um den islamischen Schleier in
Frankreich wie in Deutschland noch relativ jung ist, fängt sie in Frankreich
doch viel früher an. Tatsächlich entzündet sich hier der Streit bereits 1989 mit
der Affäre von Creil, einer Stadt in der Pariser Banlieue, als zwei junge
Gymnasiastinnen von ihrer Schule verwiesen werden, weil sie beschlossen
haben ein Kopftuch zu tragen. Obwohl es gegen diesen Akt der Obrigkeit
zahlreiche Proteste gibt, lassen sich besonders bei Intellektuellen, die den Ruf
haben fortschrittlich zu sein, auch andere Stimmen vernehmen, die von der
Regierung mehr Unnachgiebigkeit angesichts eines ihrer Ansicht nach un-
erträglichen Angriffs auf die Laizität verlangen. Der Bildungsminister der zu
diesem Zeitpunkt linken Regierung, Lionel Jospin, will eine derart heikle
Entscheidung nicht alleine treffen und wendet sich an den ›Conseil d’État‹,
das oberste Verwaltungsgericht. Dieses fällt eine Grundsatzentscheidung, die
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik