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KOPFTUCH UND ›FOULARD‹
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schreibt (Foucault 2004). Viele verlangen in jeder Hinsicht eine Gleichheit
zwischen Männern und Frauen. Nur sehr wenige stellen den Rahmen der
demokratischen Verfassung in Frage. Wenn sie eine doppelte, also französi-
sche bzw. deutsche und muslimische Identität beanspruchen und sich mit
beiden Beinen integrieren wollen, bekräftigen sie den Wunsch, in einer mul-
tikulturellen Gesellschaft zu leben, wo sie sich zu ihrer Religion bekennen
können ohne stigmatisiert zu werden. Das Symbol des Kopftuchs wird im
Rahmen einer intensiven religiösen Kultur reaktiviert, die aber zum Teil post-
traditionell ist, was sich daran zeigt, dass die jungen Mädchen immer wieder
darauf bestehen, die Gründe für die Verbote oder Gebote mit denen sie
konfrontiert werden, kennen zu lernen (Khosrokhavar/Gaspard 1995; Venel
1999; Nordmann 2004; Blaschke/Sabanovic 2000; Amir-Moazami 2007).
Die Eigentümlichkeit der aus der Türkei stammenden Bevölkerungsgrup-
pen in der Kopftuchfrage wird auch durch den Umstand bestimmt, dass die
Türkei das einzige mehrheitlich islamisch geprägte Land ist, wo ein be-
deutender Teil der Staatsbürgerinnen und Staatsbürger in der Nachfolge des
Kemalismus, der sich seinerzeit stark vom laizistischen Kampf der Dritten
Französischen Republik inspirieren ließ, die Linie einer kompromisslosen
Verteidigung einer radikalen Laizität vertritt. Das zeigt sich in Stellungnah-
men, die in europäischen Ländern, wo Immigranten türkischer Abstammung
viel stärker in der Minderheit sind, keine Entsprechung haben. In Deutschland
haben Dachverbände wie der ›Türkische Bund in Berlin-Brandenburg‹ (TBB)
leidenschaftlich Partei gegen das Kopftuch bezogen und an die Machthaber
appelliert, sich in der Sache standfest zu erweisen (Berghahn/Rostock 2007).
In Frankreich waren derartige Stellungnahmen im Vergleich sehr viel iso-
lierter. Das Pamphlet der Iranerin Chahdorff Djavann »Bas les voiles!«
(2003) hat zwar einen Verkaufserfolg gehabt, wohingegen das Eintreten für
Toleranz ihrer Landsfrau und Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi nur
auf ein höfliches Schweigen stieß, aber es war von den Realitäten der
Einwanderung in Frankreich völlig losgelöst. Untersuchungen zeigen übri-
gens, dass die erbitterte Opposition gegen die Freigabe des Kopftuchs für
Schülerinnen durch die Bewegung ›Ni putes ni soumises‹ (Weder Huren noch
Unterworfene) nur die Gefühle einer Minderheit unter den auf französischem
Boden lebenden Immigrantinnen und Immigranten wiedergibt. Diese Bewe-
gung, die in den Medien aufgebauscht und weit gehend von Militanten aus
den traditionellen politischen Lagern unterstützt wurde, hatte zunächst ein
breites Echo gefunden, als sie gegen die häusliche Gewalt in den Vororten,
deren Opfer Frauen sind, mobilisierte. Sie hat sich danach von ihrer Basis ab-
geschnitten und ist im Schlamm politischer Schlachten versackt. Ihre Wie-
gerung, die Beziehungen zwischen dem Modell der männlichen Herrschaft in
den Vororten und dem allgemeinen Sexismus in der französischen Gesell-
schaft offen anzusprechen, haben sie in gefährliche Nähe zur Welle der
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik