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DAS KOPFTUCH UND SEINE VERWICKLUNGEN
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mung von Berufsschülerinnen und -schülern in Deutschland, eine Umfrage
unter 8.000 Christen, Nicht-Christen und Muslimen)« (2008). Diese thema-
tisch breit angelegte empirische Repräsentativ-Studie umfasst auch eine Stich-
probe von 470 muslimischen Schülerinnen und Schüler und zeigt einerseits,
dass diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen eher bereit sind, Fragen mit
religiös geprägtem Vokabular zuzustimmen als ihre kirchenangehörenden
(ev./kath.) und konfessionslosen Altersgenossen. Aber andererseits zeigt bei
keiner Frage die Mehrheit von ihnen Reaktionen, die fundamentalistisch zu
nennen wären. Deutlich wird vor allem, dass sich mit steigendem Bildungs-
grad die muslimischen Befragten den Orientierungsmustern der nicht-musli-
mischen Mehrheit annähern oder gleichen. Auch wenn die Kopftuchproble-
matik nicht unmittelbar berührt wird, kann die Untersuchung erste Anhalts-
punkte für die Beantwortung der Frage geben, ob die – inzwischen auch lan-
desgesetzlich relevanten – Mutmaßungen nicht-muslimischer Eltern über Ein-
flüsse des Islam auf die Jugendlichen die Realität der Alltagssituation dieser
Jugendlichen treffen.
Soweit ersichtlich gibt es weitere sozialwissenschaftliche Untersuchungen
dieser Zielrichtung nicht.
Instanzgerichte, aber auch das Bundesarbeitsgericht (BAG) und das
Bundesverwaltungsgericht (BVerwG) sind mit Verfahren beschäftigt, die aus
gesetzlichen Kopftuchverboten herrühren und primär diejenigen Lehrerinnen
betreffen, die vor Erlass solcher Verbote unangefochten das Kopftuch im Un-
terricht getragen haben.
So liegt es nahe, aus größerem Abstand zu untersuchen, wieweit im Streit
ums Kopftuch das ›Kopftuchurteil‹ des BVerfG eine Orientierungsmarke,
nicht nur im Blick auf juristische Auseinandersetzungen, darzustellen in der
Lage ist.
Ein Blick zurück. Kopftücher wurden in Deutschland, vermutlich aber in
ganz Europa, seit jeher getragen. Auf dem Land band sich die Bäuerin das
Kopftuch um, wenn sie ins Dorf ging, wenn sie sich also öffentlich zeigte;
desgleichen wenn sie in die Kirche ging; mit anderem Kopftuch. Und beim
Gottesdienst saß die Frau auf der Frauenseite. Es war eben Sitte. Ihr kann
mehr Unbedingtheit innewohnen als einem rechtlichen Gebot. Die Frau be-
deckt ihr Haupt. So hielt man es durch Jahrhunderte, wie die Geschichte der
Malerei zeigt, und so sind heute noch bei einem Empfang durch den Papst
Kopf und bloße Arme bedeckt zu halten.
Sitten können ihre prägende Kraft verlieren. Das gilt heutzutage auch für
das Kopftuch auf dem Lande. Ihm begegnen wir nunmehr im städtischen Be-
reich als Teil einer anderen Kultur, wenn wir Frauen mit Kopftüchern sehen.
Diese Kultur ist uns fremd (geblieben), und sie hat eine religiöse Wurzel.
Die Wirkungen des Fremden, die von diesem Kopftuch ausgehen, wurden
für den schulischen Bereich abgefangen durch Gerichtsurteile, nachdem deut-
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik