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KIRSTEN WIESE
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heute, gesellschaftliche Positionen einzunehmen, die ihren Müttern in tra-
ditionellen Gesellschaften verschlossen waren (Pape 2005: 113 und 165). Die
Ergebnisse dieser qualitativen Studien werden bestätigt von einer 2006
veröffentlichten Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (Jessen/Wilamowitz-
Moellendorf 2006). Im Rahmen dieser Studie wurden 315 türkischstämmige
Frauen mit Kopftuch im Alter von 18 bis 40 Jahren in Deutschland zu den
Motiven für das Tragen des Tuchs und nach ihren Einstellungen zu Familie,
Islam und zur gewünschten Staatsform befragt. Der Einfluss männlicher Fa-
milienmitglieder auf die Entscheidung, das Kopftuch zu tragen, schluss-
folgerten die Forscher, spiele eine untergeordnete Rolle. Die Annahme, das
Kopftuch stehe für die Unterdrückung der Frau, sehen sie nicht als belegt an
(ebd.: 41). Allerdings lassen die Untersuchungen offen, ob die Mehrzahl
muslimischer Kopftuchträgerinnen diesem Typus Frau entspricht.20 Bei den
zitierten qualitativen Forschungsarbeiten handelt es sich um Fallstudien, die
nicht repräsentativ sind. Auch die Aussagen der Studie der Konrad-Adenauer-
Stiftung sind – so die Forscher selbst – im streng statistischen Sinn nicht ohne
Weiteres auf alle Kopftuch tragenden Musliminnen zu übertragen (ebd.: 13).
Die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion erkennt in dem Kopftuch
also sowohl den Aspekt eines unterdrückenden muslimischen Milieus als
auch eine Möglichkeit der Frauen für ein emanzipiertes Leben. Solch konträre
Ergebnisse lassen zunächst nicht auf eine plausible geschlechtsspezifische Be-
deutung des Kopftuchs schließen. Für die Symbolaussage des Kopftuchs einer
Lehrerin ist aber entscheidend, dass gerade bei Lehrerinnen der Anteil der-
jenigen Frauen überwiegen dürfte, die das Kopftuch selbstbestimmt tragen.
Diese Frauen haben eine akademische Ausbildung durchlaufen und wollen
nun einen verantwortungsvollen Beruf ergreifen. Damit machen sie sich
ökonomisch von ihren Familien und ggf. von ihren Ehemännern unabhängig.
Insofern ist das Kopftuch einer Lehrerin kein eindeutiges Symbol für einen
Zwang zum Tragen des Tuchs und für ein Leben, in dem eine Frau keine
Möglichkeit hat, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Annahme, dass das
Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung der Frau sei, ist also gegenwärtig
nicht plausibel.
(2) Das Kopftuch verweist aber eindeutig auf die Eigenschaft der Trägerin als
Frau und zeigt damit zugleich die Trennung der Geschlechter in der islamisch
geprägten Gesellschaftsordnung an (Pape 2005: 67; Seufert 1997: 415 ff).
Dieses Konzept der Geschlechtertrennung, das den Hintergrund für das Kopf-
tuchtragen bildet, ist – so die These dieses Beitrags – als Hierarchie zu ver-
20 Nökel beispielsweise weist explizit darauf hin, dass es ihr nicht darum geht, das
Bild vom ›unterdrückten islamischen Mädchen‹ ins Gegenteil zu verkehren,
sondern darauf hinzuweisen, dass es auch die von ihr beschriebenen anderen
Musliminnen gibt; siehe Nökel 1999: 144, Anm. 6.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik