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KOPFTUCHTRAGEN IM WIDERSPRUCH ZUM ERZIEHUNGSZIEL ›GLEICHBERECHTIGUNG‹?
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stehen, in der Männer das dominierende Geschlecht sind. Die Geschlech-
tertrennung führt zu unterschiedlichen Rollen für Männer und Frauen, ins-
besondere einer geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung (Seufert 1997: 420
und 435). Diese Differenz der Geschlechter wird unterschiedlich bewertet:
Muslimische Feministinnen versuchen, das islamische Recht im Sinne einer
Gleichwertigkeit der Geschlechter auszulegen (Oestreich 2004: 24; Bundes-
tag-Drucksache 14/4530, 78).21 Die beiden Geschlechter seien hinsichtlich
ihrer Wertigkeit als Menschen und als Muslime gleich. Doch hätten sie
verschiedene Aufgabenbereiche: Innerhalb der Großfamilie komme der Frau
eine hoch respektierte Rolle als Ehefrau und Mutter zu (Rohe 2001: 49 f;
Imhof 2001). Ebenso betonen Sozialwissenschaftlerinnen, dass das Tragen
des Kopftuchs sogar zur Abwehr traditioneller Anforderungen an die weib-
liche Rolle genutzt werde. Mit der Verhüllung erwürben die Frauen eine ge-
wisse Unabhängigkeit gegenüber den traditionellen Männern (Klein-Hessling
et al. 1999: 23 f). Das Kopftuch signalisiere, dass die Musliminnen sich nicht
auf den Privatraum zurückziehen, sondern in der öffentlichen Sphäre mit-
mischen würden. Diese Musliminnen arbeiteten an einer Enthierarchisierung
der Geschlechterbeziehungen (Nökel 2002: 28 und 213 ff).
Geschlechtertrennung im Islam führt zu Hierarchie
Überzeugender finde ich es aber, das Konzept der Geschlechtertrennung, das
den Hintergrund für das Kopftuchtragen bildet, als Hierarchie zu verstehen, in
der Männer das dominierende Geschlecht sind. Diese Annahme sehe ich zum
Teil begründet durch die Ergebnisse der Forschungsarbeiten zu ›Neo-Musli-
mas‹ (siehe oben) selbst. So ist nach der Untersuchung von Elise Pape das
Geschlechterbild Kopftuch tragender Frauen teilweise geprägt von großem
weiblichem Selbstbewusstsein, teilweise aber auch von einer männerzentrier-
ten Geschlechterkonstruktion (Pape 2005: 165). Auch die von Amir-Moazami
interviewten muslimischen Frauen drückten, nach Ansicht dieser Autorin,
zwar überwiegend ihren Wunsch aus, autonom zu sein, indem sie einen Beruf
ausüben. In ihren eigenen Familien seien sie jedoch nicht immer frei, ihre
Rollen zu wählen (Amir-Moazami/Salvatore 2003: 32 ff). Oestreich kommt
zu dem Schluss, dass die ›Neo-Muslimas‹ die Tatsache, dass Allah den
Männern laut Koran eine Vorrangstellung eingeräumt habe, respektierten
(Oestreich 2004: 147). Nökel bemerkt bei den Frauen der zweiten Einwande-
rergeneration eine weit gehende Absenz einer ideologischen Debatte über die
21 Ausdruck der Gleichwertigkeit der Geschlechter ist auch die Kairoer-Erklärung
der Menschenrechte im Islam von 1990. Die Erklärung legt fest, dass die Frau
dem Mann »in ihrer menschlichen Würde gleichgestellt« sei und »Rechte und
Pflichten« habe; abrufbar: http://www.soziales.fh-dortmund.de/Berger/For-
schung/islam/Kairoer%20Erkl%C3%A4rung%20der%20OIC.pdf, 03.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik