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CHRISTIAN HENKES/SASCHA KNEIP
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politischem Zugehörigkeitsgefühl – einen Beitritt zulässt), das kulturelle
Fragen aber in die private Sphäre verweist. Drittens ein ›pluralistisches‹ Mo-
dell, das die Nation und den Bürger bzw. die Bürgerin ebenfalls politisch be-
greift und auch bei vorliegender kultureller Heterogenität keine Anpassung an
ein Leitbild erwartet. Im Gegensatz zum ›universalistischen‹ Modell wird hier
kulturelle Vielfalt in unterschiedlichem Ausmaß auch in der öffentlichen
Sphäre verankert.
Bezogen auf die öffentliche Anerkennung religiöser Identität lassen sich
drei eng mit diesen integrationspolitischen Paradigmen verbundene religions-
politische Leitbilder unterscheiden (Riedel 2005; Statham et al. 2005; Mo-
dood 2007: 70 ff):7
(1) Eng mit dem ›universalistischen‹ Integrationsmodell verknüpft ist eine
Politik der ›strikten Neutralität‹ der öffentlichen Institutionen. In diesem
Modell werden alle religiösen Bezüge und Symbole aus der staatlichen
Sphäre verbannt und die Religionen aller Bürgerinnen und Bürger gleich
behandelt. Zu berücksichtigen ist dabei jedoch, dass ein solches Leitbild
auf Grund historischer Kontingenz gegenüber kultureller – und religiöser
– Heterogenität nicht vollständig neutral sein kann (Kymlicka 1995: 108
ff) und meist eine Vielzahl historischer Regelungen enthält, die Reli-
gionen faktisch doch unterschiedlich behandeln (zum französischen Fall
siehe Riedel 2005: 14 ff; siehe auch Sintomer in diesem Band). Auch
stellt sich die Frage, ob unterschiedliche Religionen überhaupt gleich be-
handelt werden können, wenn sie in unterschiedlichem Ausmaß mit
›Neutralität‹ zu vereinbaren sind und das gewählte Modell bestimmte Re-
ligionen und vor allem die betroffenen Individuen unterschiedlich stark
einschränkt und damit indirekt diskriminiert.
(2) Gerade auf das letztgenannte Problem wird im Rahmen des ›plura-
listischen‹ Integrationsmodells durch ein Leitbild der allgemeinen Aner-
kennung religiöser Heterogenität auch im öffentlichen Raum reagiert (›of-
fene‹ Neutralität). Im Gegensatz zum ersten Ansatz werden hier religiöse
Aspekte (und die damit verbundenen Verhaltensweisen) als so relevant für
die persönliche Identität anerkannt, dass sie so weit wie möglich in den
öffentlichen Institutionen zum Ausdruck gebracht werden dürfen (siehe
hierzu Bielefeldt 2003: 24 ff). Aus Sicht der Befürworter dieses Modells
würde der Staat ungerecht handeln, wenn er dies den Individuen verwehr-
7 Diese drei religionspolitischen Leitbilder sind trotz großer Ähnlichkeiten nicht
identisch mit den sonst verwendeten Grundmodellen des Verhältnisses von Kir-
che und Staat – hinsichtlich dieser Grundmodelle hat in erster Linie das ›Staats-
kirchenmodell‹ seine Relevanz verloren (Campenhausen/de Wall 2006: 338 ff;
Monsma 2000: 81 f).
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik