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CHRISTIAN HENKES/SASCHA KNEIP
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Beteiligung der SPD wurden in Berlin, Bremen und dem Saarland Gesetzent-
würfe eingebracht. Im Saarland brachten CDU und SPD den Gesetzentwurf
gemeinsam ein, in Berlin handelte es sich um den Gesetzentwurf der rot-roten
Landesregierung und in Bremen um den der dort damals regierenden Großen
Koalition.13
Das Abstimmungsverhalten zeigt einige deutliche Trends. In neun der
zehn Fälle stimmte die CDU-Fraktion erwartungsgemäß dem Antrag zur
Verabschiedung eines ›Kopftuchgesetzes‹ zu.14 Nur dem Berliner Gesetzent-
wurf versagte sie ihre Zustimmung. Die grünen Fraktionen hingegen lehnten
in allen Bundesländern ein entsprechendes Gesetz ab. Interessant ist das un-
einheitliche Abstimmungsverhalten der SPD und der FDP: In sieben Abstim-
mungen15 stimmte die FDP viermal gegen ein entsprechendes Verbot und
dreimal dafür. Zustimmend verhielt sie sich immer dann, wenn sie mit der
CDU die Regierung bildete, ablehnend immer dann, wenn sie in der Oppo-
sition war oder zusammen mit der SPD regierte. Das Bild der SPD-Fraktionen
ist noch uneinheitlicher. Als Opposition stimmte sie zweimal für ein Kopf-
tuchverbot (BW, SL) und viermal dagegen (BY, HE, NI, NW).16 War sie Teil
einer Landesregierung, dann lehnte sie einen entsprechenden Antrag der
Opposition ab (RP, SH) oder brachte einen eigenen Gesetzesentwurf ein (BE,
HB), der sich allerdings vom Inhalt der anderen Entwürfe deutlich unter-
schied (siehe unten). Besonders erklärungsbedürftig ist die Zustimmung der
SPD-Abgeordneten zu den entsprechenden Gesetzentwürfen im Saarland und
in Baden-Württemberg, denn hier stimmten die oppositionellen SPD-Frak-
tionen einer Textformulierung zu, die in ähnlicher Form in anderen Landtagen
zentrales Argument für die Ablehnung durch die SPD war.
Das Abstimmungsverhalten von CDU, FDP und Grünen lässt sich damit
plausibel erklären: Während CDU und Grüne als klassische ›Policy-Seeker‹
teresse, das Thema zu forcieren. Der Grund hierfür lässt sich darin vermuten,
dass ein solches Vorhaben der Positionierung als ›moderne Großstadtpartei‹, die
sich die CDU in Hamburg auf die Fahnen geschrieben hatte, zuwidergelaufen
wäre. Teil dieser Neupositionierung war der Versuch einer Verbesserung der
Kommunikation mit türkischen Verbänden, für den eine Kopftuchverbotsdebatte
nicht dienlich gewesen wäre.
13 In Niedersachsen wurde ein gemeinsamer Formulierungsvorschlag von CDU,
FDP und SPD für die Beschlussempfehlung des Kultusausschusses gefunden.
14 Da ihre Argumentation deckungsgleich ist, wird die Position der CSU im Fol-
genden unter die der CDU subsumiert.
15 In Bremen war die FDP mit nur einem Abgeordneten vertreten, der das Gesetz
mit der Begründung ablehnte, ein generelles Verbot des Kopftuchs sei bereits
auf Basis der geltenden Rechtslage möglich.
16 Der Fall Niedersachsen ist nicht ganz eindeutig: Der ›Kopftuchparagraf‹ war
Teil einer Neufassung des niedersächsischen Schulgesetzes – dieses lehnte die
SPD-Fraktion ab. Allerdings stimmte sie in der Einzelabstimmung dem ›Kopf-
tuchparagrafen‹ zu und machte diese Zustimmung auch in der Debatte deutlich.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik