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DIE PLENARDEBATTEN UM DAS KOPFTUCH IN DEN DEUTSCHEN LANDESPARLAMENTEN
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diesem Land einen Bärendienst erweisen. Im Gegenteil, Sie stärken mit
solchem Vorgehen die Fundamentalisten. Ich sage Ihnen, warum: weil die
Fundamentalisten, die es gibt, auf genau die Ungleichheit verweisen wer-
den, dass nämlich die Symbole der einen Religion erlaubt und die der an-
deren verboten sind, und sagen werden: Seht ihr, wir sind die Opfer. Ge-
nau so etwas brauchen Fundamentalisten für ihre Rattenfängerei« (Abg.
Al-Wazir, GRÜNE, HE PlPr. 16/49: 3326). Gerade diese Ungleich-
behandlung und Zurückweisung, so die grünen Abgeordneten, führe zu
einer Abschottung der muslimischen Minderheit und verstärke die ent-
sprechenden Abgrenzungsprozesse noch. Auch ›strikte‹ Neutralität ist
nach Meinung der Grünen der Integration religiöser Minderheiten nicht
dienlich.
(4) Zusätzlich wurde in einem ›Anti-Kopftuch-Gesetz‹ ein Diskriminierungs-
tatbestand gegenüber Frauen gesehen, da nur diese – und nicht mus-
limische Männer – betroffen seien. Was in den Redebeiträgen der grünen
Abgeordneten hingegen überraschend selten vorkam, sind jene Einwände,
die gerade von feministischer Seite gegen das Kopftuch ins Feld geführt
werden. Die in anderen Fraktionen überwiegende (CDU) oder zumindest
teilweise geteilte (SPD, FDP) Deutung des Kopftuchs als Symbol der
Frauenunterdrückung durch patriarchale Strukturen wurde von grüner Sei-
te in den Landtagen so gut wie nie thematisiert. Wenn es angesprochen
wurde,34 wurde in einem Verbot eine kontraproduktive Strategie gesehen, da
dadurch gerade die Personen betroffen seien, die als Beispiele für Eman-
zipation und Überwindung dieser gesellschaftlichen Strukturen stehen
könnten.
Von allen Parteien traten die grünen Landtagsfraktionen – gerade auch mit
integrationspolitischen Argumenten – am deutlichsten für eine Beibehaltung
des deutschen Konzepts der ›offenen Neutralität‹ und damit für die Anerken-
nung aller Religionen ein. Einzig die grüne Landtagsfraktion von Berlin ver-
trat eine striktere Position und damit ein säkulares Modell. Dass dies auch den
Verbindungen mit eher säkular orientierten Teilen der türkischstämmigen
Community der Stadt geschuldet ist, darf vermutet werden, muss aber letzt-
lich offen bleiben.
SPD
Als extrem uneinheitlich stellt sich schließlich das Argumentationsverhalten
der SPD-Fraktionen dar; so vielschichtig wie das Abstimmungsverhalten
34 BY PlPr. 15/27: 1817
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik