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CHRISTIAN HENKES/SASCHA KNEIP
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daraus ergebenden Parteienwettbewerb. So war es der erklärte politische Will-
le der CDU, ein Verbot des Kopftuchs bei gleichzeitiger Zulassung christ-
licher Symbole zu erreichen. Ein aus ihrer Sicht der Verfassung widerspre-
chendes politisches Symbol sollte im öffentlichen Dienst verboten werden.
Diese politische Konnotation des Kopftuchs war für die Argumentation der
Unionsparteien zentral, denn nur dadurch konnten andere – rein religiöse –
Symbole weiterhin zugelassen bleiben. Die deklaratorische Nennung der
abendländischen Werte und Traditionen erfüllte erkennbar auch den Zweck,
Elemente einer gesellschaftlichen Leitkultur zu benennen und zumindest für
den Bereich der Schule in Gesetzesform zu gießen. Besonders dieser politisch
gewollten Ungleichbehandlung widersprachen die anderen Parteien entweder
völlig (Grüne) oder teilweise (SPD, FDP). CDU-geführte Landesregierungen
strebten nach einer ›Ausnahmeregelung‹ für christliche Symbole und Bekun-
dungen in den Kopftuchverbotsgesetzen. SPD-geführte Landesregierungen
zielten hingegen auf eine Gleichbehandlung aller Religionen – entweder in
Form einer Beibehaltung der bestehenden Dienstrechtsregelung oder in Form
eines an ›strikterer‹ Neutralität orientierten Gesetzes. Im Fall der FDP wurde
die ideologische Position immer dann zweitrangig, wenn sie mit der CDU
eine Landesregierung bildete. Die Grünen wiederum, die im Untersuchungs-
zeitraum nur an der schleswig-holsteinischen Landesregierung beteiligt wa-
ren, zeigten sich programmatisch kohärent und lehnten konsequenterweise in
allen Landtagen die Einführung eines Kopftuchverbotsgesetzes ab.
Abgesehen von der FDP ergab sich das Abstimmungsverhalten der Partei-
en aus ihren unterschiedlichen religionspolitischen Leitbildern (siehe oben).
Je nach Mehrheitsverhältnissen im jeweiligen Landesparlament wurde die
durch das Verfassungsgericht eröffnete Möglichkeit zur Neuaushandlung des
›Staat-Religions-Verhältnisses‹ genutzt, um dem eigenen Leitbild näher zu
kommen.
Besonders die CDU-Fraktionen wollten das bestehende, wohlwollend-
pluralistische Modell der Beziehungen zwischen Staat und Religion nicht auf
den – von ihnen als politisch verstandenen – Islam ausdehnen und hatten die
Absicht, das Modell exklusiver zu gestalten. Ein Ausnahmerecht für das
Christentum sollte garantieren, dass nur bestimmte Religionen im staatlich-
öffentlichen Raum Ausdruck finden. Im Gegensatz zur mittlerweile liberali-
sierten Staatsbürgerschaftspolitik sollte zumindest auf kultureller Ebene eine
Schließung der deutschen Gesellschaft gewährleistet werden (Liedhegener
2005: 1197; Henkes 2008: 133).
Fast geschlossen (mit Ausnahme Berlins) traten die grünen Fraktionen
diesem Ansinnen entgegen und favorisierten das ursprüngliche religionspoliti-
sche Leitbild des pluralistischen Modells, welches – auch aus integrations-
politischen Gründen – für alle Religionen gleichermaßen gelten sollte.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik