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DIE PLENARDEBATTEN UM DAS KOPFTUCH IN DEN DEUTSCHEN LANDESPARLAMENTEN
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Sowohl in der SPD als auch in der FDP war das programmatische Modell
einer strikteren Trennung von Staat und Religion deutlich stärker vertreten.
Programmatischer Ausgangspunkt der SPD war – abgesehen von den Frak-
tionen in Baden-Württemberg und dem Saarland – die erforderliche Gleichbe-
handlung aller Religionen. Die dies gewährleistenden Leitbilder der ›strikten‹
Neutralität wie der ›offenen‹ Neutralität wurden sowohl von SPD-Fraktionen
wie -Regierungen vertreten. In den Ländern, in denen die FDP nicht in Koa-
litionen mit der CDU eingebunden war – also entweder Oppositionspartei war
oder mit der SPD regierte – vertrat sie eine sehr ähnliche Position wie die
SPD.
Insgesamt zeigen sich also deutlich unterschiedliche religionspolitische
Leitbilder zwischen den Parteien, die – zusammen mit den politischen Mehr-
heitsverhältnissen – erklären, weshalb es zu so unterschiedlichen gesetzlichen
Regelungen im Anschluss an die parlamentarischen Debatten in den Bundes-
ländern gekommen ist.
Fazit
Die Analyse der Plenardebatten um das Kopftuch in den deutschen Landes-
parlamenten hat drei zentrale Ergebnisse hervorgebracht: Erstens konnte ge-
zeigt werden, dass die landespolitischen Debatten von zum Teil recht unter-
schiedlichen integrationspolitischen Vorstellungen geprägt waren. Zweitens
hat sich gezeigt, dass sich diese Unterschiede im Wesentlichen auf die un-
terschiedlichen programmatischen Vorstellungen der politischen Parteien zu-
rückführen lassen. Drittens schließlich kann festgestellt werden, dass sich die
Hoffnung des BVerfG auf eine diskursive parlamentarische Debatte über die
›Kopftuchfrage‹ kaum erfüllt hat.
Vor allem die unterschiedlichen religionspolitischen Integrationsvorstel-
lungen der Parteien haben dazu geführt, dass die Bundesrepublik heute von
einer dreigeteilten Gesetzeslandschaft in der ›Kopftuchfrage‹ gekennzeichnet
ist. Die unionsregierten Länder Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nieder-
sachsen, Nordrhein-Westfalen und das Saarland haben sich entsprechend ihrer
religions- und integrationspolitischen Vorstellungen dafür entschieden, ein
›exklusiv christliches‹ Modell zu etablieren, das – zumindest der Intention der
jeweiligen Gesetze nach – christliche Bekundungen durch Lehrerinnen und
Lehrer weiterhin zulassen sollte.37 Das rot-rot regierte Berlin ging den entge-
gengesetzten Weg und verabschiedete eine ›strikte‹ Neutralitätsregelung, die
alle religiösen Bekundungen von Lehrerinnen gleichermaßen verbot. Auch
37 Diese Ansinnen ist allerdings im Nachgang der Gesetze durch Verwaltungs-
gerichtsentscheidungen konterkariert worden, die eine Anwendung der Bestim-
mungen auf alle Religionen eingefordert haben; zum Wechselspiel zwischen Po-
litik und Gerichten siehe Henkes/Kneip 2008.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik