Page - 291 - in Der Stoff, aus dem Konflikte sind - Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
Image of the Page - 291 -
Text of the Page - 291 -
KOPFTUCHVERBOTE IN DEN LÄNDERN – AM BEISPIEL HESSEN
291
desverwaltungsgericht diese Gesetze gebilligt haben; dem Grundrecht der
Glaubensfreiheit haben sie damit keinen guten Dienst erwiesen.
Aus der Perspektive der Geschlechterforschung ist die Diskussion um das
Kopftuch wegen ihrer Widersprüche und Brüche äußerst interessant. Funda-
mentalistischer Islamismus wird verurteilt, weil er die Unterordnung von
Frauen propagiere. In der Tat ist die erzwungene Unterordnung von Frauen
ein Verstoß gegen Idee und Zielsetzung der Gleichberechtigung. Der Staat ist
daher verpflichtet, gegen den Zwang zum Kopftuchtragen vorzugehen. Insbe-
sondere verlangt die Verfassung auch, dass Maßnahmen zur Unterstützung
von muslimischen Frauen in Deutschland ergriffen werden, die sich einer
islamistischen Zwangsordnung entziehen wollen. Doch diesen realen und
gewichtigen Gefahren des fundamentalistischen Islamismus kann nicht da-
durch begegnet werden, dass es Frauen, die freiwillig ein Kopftuch tragen,
untersagt wird, als Lehrkräfte tätig zu werden. Männliche fundamentalistische
Islamisten, von denen die Gefahr einer Durchsetzung einer gleichberechti-
gungswidrigen Geschlechterordnung eher ausgeht, werden von den Kopftuch-
gesetzen überhaupt nicht erfasst. Verhindert wird die ökonomische Unabhän-
gigkeit gebildeter muslimischer Frauen; es werden gerade die Frauen ge-
troffen, die sich nicht vollständig auf die Rolle, dass Frauen ins Haus gehören,
reduzieren lassen wollen. Damit wird das Argument der Gleichberechtigung
in geradezu paradoxer Weise eingesetzt.
Literatur
Bader, Johann (2004): »Cuius regio, eius religio – Wessen Land, dessen Reli-
gion«. Neue Juristische Wochenschrift (NJW), S. 3092-3094.
Baer, Susanne/Wrase, Michael (2005): »Staatliche Neutralität und Toleranz in
der christlich-abendländischen Wertewelt – Zur aktuellen Entwicklung im
Streit um das islamische Kopftuch«. Die Öffentliche Verwaltung (DÖV),
S. 243-252.
Berghahn, Sabine (2008): »Regelungsregime zum islamischen Kopftuch in
Europa: Standard und Abweichung«. Österreichische Zeitschrift für Poli-
tikwissenschaft (ÖZP), S. 435-450.
Bertrams, Michael (2003): »Lehrerin mit Kopftuch? - Islamismus und Men-
schenbild des Grundgesetzes«. Deutsches Verwaltungsblatt (DVBl), S.
1225-1234.
Bielefeldt, Heiner (2004): »Zur aktuellen Kopftuchdebatte in Deutschland«.
Deutsches Institut für Menschenrechte, Policy Paper Nr. 3. Abrufbar:
http://files.institut-fuer-Menschenrechte.de/488/d28_v1_file_40a86b1111
8fb_Bielefeldt_2004_Kopftuch.pdf, 11.02.2009.
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik