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PLURALISMUS,MULTIKULTURALITÄT UND DER ›KOPFTUCHSTREIT‹
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Herrschenden, was später ein geistig pluralistisches, allerdings auch wirt-
schaftsliberales Freiheitsideal begünstigte. Die Reformation hat – als Ursache
und zugleich als Folge der sozialen Emanzipation des Bürgertums, des Auf-
stiegs des Kapitalismus und der entstehenden Pluralität von Lebensentwürfen
in Europa – die entscheidende Weiche (wenngleich teils unbeabsichtigt) in
Richtung einer pluralistischen Gesellschaft gestellt, in der die Herrschaftsge-
walt das Individuum in einer (weiten) persönlichen Sphäre in Ruhe lässt.
Auch die neuzeitliche Demokratieidee, die nicht zuletzt in calvinistischen Ge-
meindekonzepten wurzelt, sowie der calvinistische Widerstandskampf gegen
religiöse Unterdrückung spielten eine Rolle.
Die daraus erwachsene liberale westliche Demokratie ist in vielen Punk-
ten eine Ansammlung protestantischer Säkularisate. Doch sie ist nicht mehr
die Religion selbst, sondern Religion als kombinierte Instanz für Sinnstiftung,
Moral, sozialen Zusammenhalt und psychologische Deutung des Menschen:
Dieses historische Normalphänomen fast aller menschlicher Gesellschaften ist
in Mitteleuropa mehr und mehr Vergangenheit. Ungeachtet dessen hat letzt-
lich jeder Mensch auch in säkularisierten Zeiten eine ›Religio‹, also etwas,
worauf wir beruhen und was uns Orientierung gibt. Dies verwun-dert nicht,
denn die von der Religion befriedigten menschlichen Bedürfnisse leben wei-
ter. Jedes Popkonzert und jedes Fußballspiel erfüllen die Formalmerkmale
einer großen religiösen Feier: Verehrung von Helden und Vorbildern, Singen,
Tanzen, ritualisierte Abläufe und optisches Schauspiel. Dass ›religiöse Feier‹
eigentlich dies meint, das vergisst man als Europäer/in vor lauter eher bedingt
unterhaltsamen Konfirmations- und Hochzeitsgottesdiensten vielleicht gar.
Dass demgegenüber in Europa die reguläre Religion – trotz der Säkularisate
und trotz der eben beschriebenen Substitute (was nicht das gleiche ist) – nur
noch wenig in Erscheinung tritt, ist im Weltmaßstab freilich auch heute noch
ein Sonderfall. Weltweit, auch in westlichen Ländern wie den USA, ist die
Religion keinesfalls auf dem Rückzug. Für Europa ist es gleichwohl charak-
teristisch geworden, dass der politische Raum einer ist, in dem Religion of-
fiziell gar nicht vorkommt – oder in dem Religionsvertreter/innen jedenfalls
nicht anders als andere Menschen auftreten, wenn über politische Fragen etc.
diskutiert wird.
Warum die liberale Demokratie dennoch neutral
gegenüber Weltanschauungen und anderen
Glückskonzepten sein muss
Vor dem so beschriebenen Hintergrund lässt sich sagen: Der ›Kopftuchstreit‹
ist zwar einerseits ein Konflikt zwischen unterschiedlichen weltanschaulichen
(oder ihrer eigenen Wahrnehmung zufolge nicht weltanschaulichen) Lebens-
einstellungen. Er ist andererseits aber auch ein Konflikt zwischen offen
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik