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PLURALISMUS,MULTIKULTURALITÄT UND DER ›KOPFTUCHSTREIT‹
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renzen oder Traditionen in puncto Multikulturalität haben mögen, kann man
empirisch sicherlich messen – aber sind unsere Präferenzen (im Sinne einer
solchen präferenztheoretischen oder kontextualistischen Position) schlicht we-
gen ihrer faktischen Existenz auch richtig so?
Dagegen sprechen mehrere schlagende Einwände, die in der Regel unbe-
merkt bleiben:
(1) Nicht nur die Unfähigkeit, unserem rein faktischen Wollen einen Prüfstein
anzubieten, spricht gegen einen solchen Präferenzansatz.
(2) Der Präferenzansatz schließt auch einen ›Sein-Sollen-Fehlschluss‹ ein:
Warum sollten denn die faktischen Präferenzen der Bürger/innen (Sein)
per se als richtig gelten (Sollen)?
(3) Sollen weiterhin nach diesen Maßstäben dann z. B. auch mehrheitlich ge-
wollte Diktaturen als gerecht gelten?
(4) Wessen Präferenzen sind überhaupt gemeint? Dürfen 50,1 Prozent einer
Gesellschaft beliebige Entscheidungen treffen, oder 73,4 Prozent oder
84,5 Prozent? Und wenn ein bestimmtes Mehrheitsquorum, warum dann
gerade dieses Quorum? Nochmal: Ich frage hier nicht, was irgendeine
Mehrheit rein faktisch tut – ich frage, ob sie tun darf, was sie möchte (z.B.
auch den ›Führerstaat‹ wieder einführen, wenn 80 Prozent der Bürger/
innen das wollen). Plädiert man gar für einen echten Konsens der fak-
tischen Präferenzen, so plädiert man letztlich für die Anarchie, denn wirk-
lich einigen werden sich alle in pluralistischen Gesellschaften auf kaum
etwas können.
(5) Entscheidend ist aber folgender Punkt: Die Präferenztheorie der Gerech-
tigkeit enthält einen Selbstwiderspruch. Denn wer sagt, es gebe keine all-
gemeinen normativen Sätze und deshalb müsse allgemein auf Präferenzen
rekurriert werden, der stellt selbst einen allgemeinen normativen Satz auf.
Die Aussage, dass in Bezug auf Normen alles relativ sei, widerlegt sich
also selbst.
Ich möchte daher anders ansetzen und mit der folgenden kleinen Überlegung
zeigen, dass es rationale Normen bzw. Ordnungen (und zwar sogar in einem
universalen Sinne, also für alle menschlichen Gesellschaften) gibt, auch wenn
schon wir Deutschen dies beispielsweise in den 1930er Jahren rein faktisch
nicht einsehen wollten. Dabei geht es mir zunächst nicht darum, dass es in
privaten Fragen über das ›gute Leben‹ und den Geschmack in der Tat ver-
schiedene Ansichten geben kann. Es geht auch nicht darum, dass bestimmte
Spielräume zwischen kollidierenden Prinzipien (etwa verschiedene Freiheits-
sphären der Bürger/innen) in verschiedenen Kulturen auch unterschiedlich
genutzt werden dürfen (wobei wir auf beide Fragen zurückkommen werden).
Meine kleine – in der einleitend zitierten Literatur viel ausführlicher und in
Auseinandersetzung mit einer Vielzahl hypothetisch denkbarer Einwände
Der Stoff, aus dem Konflikte sind
Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Title
- Der Stoff, aus dem Konflikte sind
- Subtitle
- Debatten um das Kopftuch in Deutschland, Österreich und der Schweiz
- Authors
- Sabine Berghahn
- Petra Rostock
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2009
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-89942-959-6
- Size
- 14.7 x 22.4 cm
- Pages
- 526
- Keywords
- Religion, Migration, Geschlechterverhältnisse, Demokratie, Rechtssystem, Politik, Recht, Islam, Islamwissenschaft, Gender Studies, Soziologie, Democracy, Politics, Law, Islamic Studies, Sociology
- Category
- Recht und Politik